Tschüss

Du sitzt mit der Decke bis zur Hüfte gezogen auf dem Bett, ich an deiner Seite, meine Geschwister am Fussende. Nur Silhouetten in meinem Augenwinkel. Mein Stiefvater hält deine Hand, ihr sprecht leise. Auf dem Nachttisch neben deinem Bett ein Glas Wasser und das braune Plastikfläschchen. Fünfzehn Gramm Pentobarbital-Natrium, Bewusstlosigkeit nach dreissig Minuten, Lähmung des […]

Du sitzt mit der Decke bis zur Hüfte gezogen auf dem Bett, ich an deiner Seite, meine Geschwister am Fussende. Nur Silhouetten in meinem Augenwinkel. Mein Stiefvater hält deine Hand, ihr sprecht leise. Auf dem Nachttisch neben deinem Bett ein Glas Wasser und das braune Plastikfläschchen. Fünfzehn Gramm Pentobarbital-Natrium, Bewusstlosigkeit nach dreissig Minuten, Lähmung des vegetativen Systems nach ein bis zwei Stunden. Ich bin erschöpft.

Vier Tage ist es her. Du hast mich angerufen und gesagt, ich habe mich entschieden, komm doch bis Sonntag noch mal nach Hause. Das kann nicht sein, habe ich gedacht, und überhaupt, ich habe zu tun, das ist doch viel zu bald. Ich sagte, ich komme natürlich. In die nächste S-Bahn, allein. Geht niemanden etwas an, habe ich gedacht, ich konnte grad einfach nicht, habe ich später gesagt. Umsteigen in der Kleinstadt, fünfzehn Minuten Busfahrt, ein kurzer Fussweg. Mein Herz zersprang an der Haustüre.

Du hast mich umarmt und ich wusste, du hast dich entschieden. Bleibst du zum Abendessen, hast du gefragt, ich wollte sagen, ich bleibe für immer, bleibst du nicht auch, ich sagte, ja, glaub schon. Wir haben Tee getrunken auf der Couch, über meine Arbeit geredet, über unsere Freundinnen, normal, so wie immer. Aber du willst gehen. Wir sind die Bücher durchgegangen, die ich endlich mitnehmen sollte, haben uns an den Tisch gesetzt, die Steuererklärung, das müssen wir jetzt noch erledigen, spätestens morgen, hast du gesagt, und ich habe mich genervt. Steuererklärung, bah! Das kann ich nicht, ich bin doch noch ein Kind.

Bleib bitte noch ein bisschen.

Ich habe im Zimmer mit den gelben Wänden geschlafen, die Wände, die ich unbedingt in Gelb gewollt hatte, in diesem schrecklichen Kanariengelb. Ich blicke meinen Stiefvater über dein Bett hinweg an, und denke, was soll der arme Mann allein zwischen diesen kanariengelben Wänden. Er hält deine Hand und weint und ich denke, das tut mehr weh als die falsche Wandfarbe.

Bleibst du noch ein bisschen, hast du am Morgen gefragt, und dieses Mal sagte ich, ich bleibe für immer, und du hast gelächelt. Wir haben gefrühstückt und uns wieder auf die Couch gelegt, ich habe gesagt, erzähl mir, wie du warst, und jedes Wort hat meine Brust noch ein bisschen mehr zerquetscht.

Wir sind durch das Dorf spaziert, auf den Mahlenberg, der nicht mal ein richtiger Hügel ist, geschweige denn ein Berg, und du hast gesagt, gibt es etwas, das du mich unbedingt noch fragen willst. Ich habe gesagt, nein, glaub nicht, ich habe gedacht, ja, warum gehst du, wenn eigentlich alles ganz okay ist. Warum, verdammt noch mal, gehst du.

Ich sehe dich an, wie du mit meinem Stiefvater sprichst, über was, kann ich nicht verstehen, aberihr lächelt beide scheu, du drehst dich zu mir, ich höre mich sagen, alles okay, aber nichts ist okay. Geh nicht, will ich schreien, es tut weh, geh nicht, ich brauche noch Zeit.

Bleib doch noch ein bisschen.

Du streichst mir über die Wange, und ich denke, wie kann etwas so weh tun, wie zur Hölle kann etwas so weh tun, ich sage, alles wird gut.

Meine Geschwister sind am dritten Tag gekommen, sie sagten, wir bleiben auch ein bisschen. Ich sagte, gut, ich dachte, mir doch egal. Wir haben die Vorhänge zugezogen und Kerzen angezündet, etwas gegessen, ich weiss nicht mehr was. Jeder Bissen schmeckte nach Verlust. Wir haben Tee getrunken, auf der Couch aufgereiht, alle haben erzählt, was grad so läuft, ich dachte, haltet das Maul, was für ein verdammter Mist. Ich sagte, schön, sind wir zusammen.

Wir sind zu Bett gegangen, meine Schwester neben mir, diese gelben Wände, sagte sie, ich sagte, ja, wirklich, diese gelben Wände und der Teppich erst. Ich dachte, mir doch egal. Sie ist eingeschlafen, ich lag wach, überlegte mir, aus dem Zimmer zu schleichen, vor deiner Tür auf und ab zu gehen, ein bisschen lauter als nötig, bis du rauskommen und mich fragen würdest, kannst du nicht schlafen, was nicht als Frage gemeint wäre, und sagtest, komm, ich mach dir eine heisse Milch.

Ich stellte mir vor, wie wir zusammen in der Küche rumstehen würden, du mich fragtest, woran grübelst du rum, morgen ist auch noch ein Tag, und du deine müden Augen reiben würdest, sodass ich sofort ein schlechtes Gewissen hätte, ohne es eine Sekunde zu bereuen, dich geweckt zu haben.

Als ich aufwachte, war der Tag angebrochen, der Tag, der niemals hätte anbrechen dürfen, der Tag, an dem du gehen willst. Wir haben Kaffee gekocht, wir kümmern uns mal um diese gelben Wände, hörte ich meine Schwester in der Küche zu unserem Stiefvater sagen, das geht doch nicht, diese gelben Wände. Wir haben den Kaffee in Tassen eingeschenkt und ich dachte, wie soll der jemals am Kloss vorbeipassen, der in meinem Hals steckt.

Wir sitzen an deiner Bettkante und du hast die Decke über die Hüfte gezogen. Du siehst zufrieden aus und ich denke, wie kannst du nur zufrieden sein und gehen wollen, warum bleibst du nicht, wenn du zufrieden bist. Bleib noch ein bisschen.

Bleib doch einfach noch ein bisschen.

Aber du hast dich entschieden. Braunes Fläschchen, Wasser, fünfzehn Gramm Pentobarbital-Natrium, Bewusstlosigkeit nach dreissig Minuten, Lähmung des vegetativen Systems nach ein bis zwei Stunden. Du nimmst mein Gesicht in beide Hände und küsst mich auf die Wange, mach’s gut, sagst du. Ich denke, wie kann etwas so weh tun, wie kann etwas so sehr weh tun, ich denke, geh nicht, geh bitte, bitte nicht, bleib doch noch ein bisschen. Ich drücke deine Hand und sage, mache ich.

Ich sage, Tschüss.


 

Daria Wild
ist Gewinnerin des TREIBHAUS-Finals, das am 6. November 2017 im Kaufleuten Zürich stattfand. Sie ist freie Texterin und Journalistin bei watson und studiert Literarisches Schreiben in Biel. Sie lebt in Zürich.