Eingenickt

Bern–Emmenbrücke: 1 Stunde, 34 Minuten

Eingenickt
Francesco Micieli, photgraphiert von Michael Wiederstein.

Es gibt Momente, in denen Dinge geschehen, die so unerwartet und unerhört sind, dass wir sie erst viel später wirklich bemerken. Auch im Zug nach Emmenbrücke. Ich war soeben von Bern kommend in Olten umgestiegen, in meinen Händen und vor meinen Augen: das «Mäanderland» von Andrea Maria Keller (Edition Howeg). «Prickelnd / unter der haut / das zirpen der grillen.» Der Vers ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Es regnete. Das Land war grau und trotz der wunderbaren, sanften Landschaften – irgendwie auch feindlich. Dagmersellen, Zofingen, Sursee, auf den Hügelkuppen Schnee. «Du ziehst die letzte / zwangsjacke aus / und mischst dich / mitten unter sie.» Die Frau, die mir gegenüber sass, hatte ich nur einmal kurz angeschaut, als wir uns beide in Richtung eines sehr laut telefonierenden Mitfahrgastes drehten, der so tat, als müsse man in den Hörer schreien, damit die Wörter Sinn bekämen. «Oft ist schweigen blei / oft eine waffe.» Der Regen schnitt Linien in die Szenerie, ich hielt mich ans Weiss der Hügelspitzen, irgendwo in der Ferne. Als ich weiterlesen wollte, merkte ich, dass da, wo ich das Buch fühlte, nichts war. Meine Hände hielten genau ein Buch Abstand zueinander, aber hielten: nichts. «Sie sind eingeschlafen», sagte mir die Frau, «ich habe das Buch auf dem Boden liegen gelassen, weil ich nicht wusste…» Sie machte eine kurze Pause und sagte dann nichts mehr.

Ich war eingeschlafen. Und hatte dabei doch die ganze Zeit gelesen? «der see / weiss / nichts / vom antlitz / das sich bricht.» Knack, Emmenbrücke. Ich packte meine Sachen zusammen, zog die Kapuze über den Kopf. «Sie haben leise geschlafen», sagte sie dann. «Keine Sorge, man hat nichts gehört.»

«Für Reisen durch die Schweiz eignen sich Gedichte», sagte ich und reichte ihr das Buch. «Der Satz auf dem Buchrücken, auf dem Boden meist oben, gefällt mir», fügte ich an. Nur der Konjunktiv passt jetzt nicht mehr. «wo es wohl / hinführen würde / das leben / wenn man / es liesse.»


Francesco Micieli
ist Schriftsteller und hat auf Reisen stets ein Buch für uns dabei. Von ihm zuletzt erschienen: «Der Agent der kleinen Dinge» (Zytglogge, 2014).