Von einer, die auszog …

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen: in dem bekannten Märchen der Gebrüder Grimm verlässt ein bis anhin furchtloser Mann seine Heimat. Er hofft, in der Fremde die Bekanntschaft mit der Angst zu machen. Man könnte auch sagen: daheim ist es ihm zu eintönig. Einem ähnlichen Trieb folgten viele meiner Schweizer Schriftstellerkollegen und ich: […]

Von einer, die auszog …

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen: in dem bekannten Märchen der Gebrüder Grimm verlässt ein bis
anhin furchtloser Mann seine Heimat. Er hofft, in der Fremde die Bekanntschaft mit der Angst zu machen. Man könnte auch sagen: daheim ist es ihm zu eintönig.

Einem ähnlichen Trieb folgten viele meiner Schweizer Schriftstellerkollegen und ich: wer in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist, ist manchmal versucht, zu glauben, sie sei ein geschichts- und schicksalsloser Ort. Sicherheit und Ordnung allerorten, das Böse und Anrüchige lauert nur in der Ferne, jenseits der Landesgrenzen. Für die einen ist diese Vorstellung beängstigend, für die anderen eine verlockende Inspirationsquelle: der Ausbruch aus den geregelten Bahnen eines typischen Schweizer Bürgerlebens erscheint nicht zuletzt auch als potentieller Ausweg aus einer lethargischen Schaffenskrise. Wer sein Nest beziehungsweise seine Komfortzone verlässt, sieht sich dem Fremden ausgesetzt, tritt nicht den immer gleichen Nachbarn auf die Füsse und ist geneigt, diese Situation auch literarisch zu verarbeiten. Denn: sicher kann man sich auf eine blühende Schweizer Wiese setzen und in Geschichten über den Mikrokosmos zwischen den Gräsern elaborieren – aber am Ende des Tages reizt die Literarisierung des Fremden mehr.

Als ich 1997 mit 23 Jahren zum ersten Mal nach New York ging, wusste ich, dass es schwierig sein würde, wieder in der Schweiz zu leben. Die kreative Energie in New York – der Mutter aller Grossstädte – hatte mich rasch vollends eingenommen, ja aufgeladen. Seither ist jeder meiner Romane an einem anderen Ort entstanden. In New York, Berlin und auch in London – wo ich die letzten sieben Jahre verbrachte. Man nimmt seine Umgebung an, man lebt mit und in ihr, sie stimuliert. Jeder Ort birgt neue Identitätskrisen. Konstante innere Unruhe und Zerrissenheit sind für mich seither der produktive Normalzustand. 

Kehre ich in die Schweiz zurück, stelle ich oft eine Gemächlichkeit und Energielosigkeit im allgemeinen Lebensgefühl der Bevölkerung fest, die sich zuweilen auch in meinem literarischen Output bemerkbar machte: noch gut erinnere ich mich daran, wie beim Klagenfurter Wettlesen einer der Juroren als Kritik an meinem Text bemerkte, dass eine Szene sehr «schweizerisch» sei – und ein anderer sofort Einspruch erhob und meinte: nein, das sei literarisch! Sein Einwurf sorgte für beifallendes Gelächter. Ich verstehe schweizerisch seitdem als literarisch langweilig. «Swiss made», das ist in der Literatur nicht unbedingt ein Gütesiegel: schon Friedrich Dürrenmatt
bezeichnete die Schweiz bekanntlich als Gefängnis, in dem die Schweizer selbst die Gefangenen und gleichzeitig die Wärter sind. Der in Paris lebende Autor Paul Nizon war ähnlicher Ansicht, die Liste liesse sich fortsetzen.

Warum also nicht ausbrechen? Mein Rat für den angehenden Jungautor: Mach dich aus dem Staub! Sammle! Knüpfe ein weites Netz an Erfahrungen! Verlorengehen in der grossen weiten Welt, das ist mit Abstand das Beste, was einem Schriftsteller passieren kann. Es ist indes nicht ungefährlich: der mit seinem Roman «Typhoid Mary» berühmt gewordene Jürg Federspiel hielt sich oft im Ausland auf. Sein grösster Traum, wie er mir einmal in New York verriet: auf Englisch schreiben – und sich von der Schweiz loszusagen. Es ist ihm nie gelungen: 2007 nahm er sich in Basel das Leben. Christian Kracht, der unschweizerischste und abenteuerlustigste Schweizer Gegenwartsautor, wird in seiner Heimat von der Kritik zerrissen. Wer weiter als bis Berlin ausbüxt, wird auf Streicheleinheiten aus der Schweiz verzichten müssen.

Im Grimmschen Märchen lernt der Mutige in der Fremde viel, das Gruseln jedoch erst nach seiner Rückkehr in die Heimat: da wird ihm im Schlaf ein Kübel Wasser von seiner neuen, blaublütigen Gemahlin ins Bett gekippt. Schriftsteller, die ins Ausland gehen, dürfen sich daheim auf eine ebenso kalte Dusche einstellen. Doppelt profitiert, wer darauf vorbereitet ist.