Lisa Elsässer:  «Erstaugust. Erzählungen.»

Lisa Elsässer:
«Erstaugust. Erzählungen.»

«Erstaugust» steht wie die übrigen Werke der Schriftstellerin ganz im Zeichen des Nachdenkens über die Vergänglichkeit.

Ihre Figuren sind selten bei sich, ihre Gedanken schweifen in die Ferne, immer dem Ruf der Sehnsucht nach. In der titelgebenden Geschichte von Lisa Elsässers Erzählungsband «Erst­august» wartet die achtjährige Ich-Erzählerin, die den Sommer bei einer Bauernfamilie auf dem Land verbringen muss, täglich auf Post von ihrer Mutter. Und in der Prosaminiatur «Hier bin ich» erinnert sich eine Dame gehobenen Alters in die Kindheit zurück: an die Seetage mit selbstgestrickten Badehosen, das Sonnenbad auf warmen Steinen und die rüde Erziehungspolitik der Nonnen gleichermassen. Alles scheint vom «Heimwehschaum» überdeckt.

Was gegen Wehmut und überhaupt die Schwere des Lebens hilft, ist wohl einzig das Erzählen – der Versuch, Erlebtes nachträglich in ein sinnvolles Narrativ zu überführen. Denn «nur die Sprache hat noch keine Furchen. Ich treibe sie über die Landschaft wie eine junge Kuh», so die Seniorin, die als Schriftstellerin vielleicht als ein Alter Ego der 1951 im urnerischen Bürglen geborenen Autorin zu verstehen ist. Sprache schafft Ordnung, auch und gerade in Augenblicken tiefer Krisen. Als besonders ergreifend erweist sich etwa die Geschichte einer Frau, die Hals über Kopf ans Meer reist, kurzzeitig ihre Familie und vor allem eine nicht näher beschriebene Krankheit ausblendet. Sprache ermächtigt, mitunter auch zum Schweigen. Es geht um «Stille, die ruhig macht, Meer, das trägt. Sprachlose Entwöhnung von einer Zeit, in der die Ohren schmerzten von den vielen Fremdwörtern, die nichts Gutes verhiessen.»

Obgleich Elsässers Texte allesamt von dunklen Augenblicken berichten, wohnt ihnen eine angenehme Gelassenheit inne. Es ist der Ton des Einverständnisses, der nicht zum Widerstand animiert. Verarbeiten und Akzeptieren von Rückschlägen lautet das Credo dieser zwar reifen, aber letztlich doch recht braven Erzählungen, die man nicht zuletzt ihrer konventionellen Arrangements wegen möglicherweise genauso schnell vergisst, wie man sie gelesen hat. Sätze wie «Mein kleines Herz erwartete inständig und hoffnungsfroh die Mutter» oder «Wie doch die Zeit vergeht, wie alles Ferne immer näher und ja, das Nahe in die Ferne rückt» klingen, als wären sie einer Sammlung drittklassiger Kalendergeschichten entnommen.

Nichtsdestotrotz lohnt sich die Lektüre für Leser, die sich an literarisch ausgeschmückter Lebenserfahrung erfreuen. «Erstaugust» steht wie die übrigen Werke der Schriftstellerin ganz im Zeichen des Nachdenkens über die Vergänglichkeit: Die Heimat, die Kindheit, die Macht über den eigenen Körper sind ihr anheimgestellt. Gleich mehrfach greifen die manchmal subtil miteinander verwobenen Einzeltexte die Figur der Mutter auf, die an einem «schönen Herbsttag» gestorben ist. Sie bildet das Signum von Elsässers Texten, sie stellt die Wunde dar, die bleibt, aber mit der Zeit vernarben kann.


Lisa Elsässer: Erstaugust. Erzählungen. Zürich: Edition Blau, 2019.

Hinweis der Redaktion: In der Originalversion dieser Rezension war die Ich-Erzählerin der titelgebenden Geschichte «Erst­august» kurzerhand zum Ich-Erzähler gemacht worden. Diesen Fehler haben wir korrigiert.

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