Erzählen trotz allem

Carolin Emcke: Weil es sagbar ist. Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit. Frankfurt a.M.: S. Fischer, 2013.

Erzählen trotz allem

Gewalt schreibt sich in die Sprache ein. Unterbricht den Erzählfluss, trocknet ihn aus. Forciertes oder kryptisches Erzählen auf der einen, Schweigen auf der anderen Seite. Das scheinen die beiden Pole zu sein, die sich in der Logik des Erzählens von Gewalt versehrter Menschen bilden. Die Aussicht auf Zeugenschaft allerdings, die Hoffnung auf jemanden, der zuhört und vom Unvorstellbaren erzählt, schwingt in der Frage «Schreibst du das auf?» mit. Zeugenschaft und Gerechtigkeit sind zwei der Phänomene, über die die Kriegsreporterin und Philosophin Carolin Emcke in ihrem konzentrierten Essay «Weil es sagbar ist» nachdenkt. Der Band versammelt – nebst dem hier besprochenen Essay – vier Reportagen aus Krisengebieten, die zwischen den Jahren 2005 und 2011 entstanden sind, zwei Reden und eine dreiteilige Essayreihe über das Reisen. «Schreibst du das auf?», wird Carolin Emcke während dieser Reisen durch Krisen- und Kriegsgebiete immer wieder gefragt werden. Allein: Kann man als – in Worten Jean Amérys – «Ungeprügelter» überhaupt von Gewalt und Krieg erzählen? Und, falls es gelingen möchte, was macht es so schwierig, vom Krieg und den individuellen Geschichten darin zu erzählen? Intuitiv will man antworten: Kein Vokabular der Welt genügt, dem unsagbaren Leid nur in Ansätzen gerecht zu werden. Dieses «scheinbar Unaussprechliche» ist es denn auch, dem Carolin Emcke auf den Grund geht. Ihr Essay liest sich als ausgedehnte Reflexion darüber, was es eigentlich bedeutet, vom Krieg zu erzählen. Auf dem Blauen Sofa an der Frankfurter Buchmesse erklärte Carolin Emcke, dass ein «Ethos der Empathie» und ein «Ethos des Zuhörens» die Voraussetzungen seien, um einen Erzählraum zu öffnen, in dem Zwischentöne hörbar würden. Es geht darum, den – vermeintlich – bedeutungslosen Szenen in den Erzählungen «Geprügelter» Gehör zu schenken, die sich dann als Schlüsselszenen für das eigene Verständnis erweisen.

Eindrücklich beschreibt die Philosophin eine Begegnung mit einem nach seiner Ausweisung aus Deutschland im ehemaligen Jugoslawien misshandelten Mann. Er erzählt leise, rhapsodisch, trotzdem chronologisch. Und immer wieder der Satz: «Ich hatte mir nagelneue Schuhe gekauft – und sie waren teuer.» Solche vermeintlich nebensächlichen Dinge (die neuen Schuhe) müssen in der Erzählung erst einmal gehört werden, um die Bedeutungstiefe zu erkennen. Die Schuhe als Symbol für den Menschen, der er vor der Misshandlung war. (Am Flughafen kommt er an ohne Schuhe, mit zerrissenem Hemd, blutverschmiert.) Beim Erzählen geht es, so Emcke, aber auch um das Wiederherstellen von Würde. Diese hängt mit dem Vertrauen, dem «Weltvertrauen» (Jean Améry) zusammen. Gerade letzteres sei etwas, das bei seelischen/körperlichen Übergriffen fundamental zerstört werde. Das zerstörte «Weltvertrauen» hinterlässt nicht selten eine fragmentierte Sprache. Oder anders: «Der Sprache kann es die Sprache verschlagen», sagt Michael Lentz in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen. Und: «Der Sprache folgen. Ihr vertrauen, dass sie in die Realität einfädeln kann. Auf die Sprache ist Verlass, während oder wenn ich schon verlassen bin.» Das ist es, was Carolin Emcke tut: das Vergangene in Worten in die Realität einfädeln. Sie interessiert nicht, dass geschwiegen wird, sondern vielmehr weswegen geschwiegen wird. Dabei drängt sie keinesfalls zu einem Sprechen hin, vielmehr zeigt sie den Zusammenhang von Gewalt und Sprachlosigkeit auf, um zu «einem Plädoyer für ein Erzählen trotz allem» zu gelangen.

Das gelingt ihr ohne jegliches Pathos des Erzählenmüssens, vielmehr durch ein Ethos des Zuhörenkönnens. «Weil es sagbar ist» ist in Schrift übersetztes Zuhören. Die «Übersetzungssprache» ist von immenser Literarität, bildet klares und konzises Denken ab, ist leise und poetisch, trotz der Dichte und Schwere ihrer Themen.