Klaus Merz: «firma»

Klaus Merz: «firma»

Dem Nichts dieser Welt setzt Klaus Merz das Gedicht entgegen.

Einen Band mit Miniaturen und Gedichten legt Klaus Merz in diesem Frühjahr vor. Und ganz zweifelsohne zählt Merz zur Dichtergilde, ist eine ihrer klarsten Stimmen hierzulande, verfügt über jenes rare Sensorium für Dinge, die anderen verborgen bleiben.

Im ersten Teil lässt er dieses Empfinden der Welt in ein grosses Prosagedicht fliessen und erzählt fünfzig Jahre fiktive Firmengeschichte wie aus dem Zettelkasten. Ausgewählte Daten, bisweilen zufällig, manchmal mit historischem Bezug, reihen sich handverlesen aneinander. Einträge, die der Dichter auf eine Textschnur zieht und in denen Welt und Firma amalgamieren. Es tauchen Schatten auf, Personen, Kamber, Graber. Es schliessen sich Kreise, die Welt drängt herein, ohne dass wir je so recht wissen, ob das Fabriklein im aargauischen Wynental steht und eine Stoffdruckerei ist. Aber wie in jedem literarischen Text sind die Orte universell, gleichsam ein Kondensat des Menschseins, das dort im Schweisse seines Angesichts sein Brot verdient und doch nicht entfremdet, Mensch bleibt.

Der jedes Jahr die Firma heimsuchende Revisor, passionierter Segler und Leser, meint, er sei ein «LeeSender», er erhalte und gebe Nachricht von der vom Wind abgewandten Seite der vermeintlich realen Welt. Und genau dies ermöglicht Merz uns Lesern mit seinen Texten. Bei allem Gefühl für Welt und Sprache verrutscht ihm leider aber auch heute noch hin und wieder sein poetischer Bleistift; dann kratzt er an den Rändern seiner kleinen Politik, und was schon im «Argentinier» fremd wirkte, scheint hier bünzlig.

Dass Texte auch ohne expressis verbis politisch sein können, belegt im zweiten Teil des Bandes, in der neuen Gedichtsammlung «Über den Zaun hinaus», ein Gedicht wie «Leicht gesagt» in schönster Form: «Unter lauter selbst-/verständlichen Dingen / verbringen wir den / unbegreiflichen Tag. // Und die Neubauten / wachsen immer schneller / über unsere Köpfe hinaus.»

Dergestalt verbinden sich Welt, Empfinden und Reflexion, dass man die einstürzenden Neubauten bereits fühlt, und zwar dort, wo der Dichter am mächtigsten ist: «Zwischen den Leerzeilen diese kleinen Barrikaden der Schrift.» So lautet das dichtereigene Geleitwort zum Buch.

Dem Nichts dieser Welt setzt Klaus Merz das entgegen, was er beherrscht wie kaum ein anderer: das allem entgegengestellte Gedicht. So baut er sich «im Strom der Sprache das Gedicht» und damit, in Abwandlung eines Verses, eine Treppe seinem Wort. Das ist Klaus Merz’ Königsweg, denn «Wo die Kunst / wirklich Fuss fasst, / entsteht hinter dem Bild / stets ein Nachbild / vom Menschen» schreibt er widmend dem Maler Heinz Egger, der den schön gemachten Band mit acht Pinselzeichnungen illustriert hat. Oder wie der Autor zu guter Letzt schliesst: «Nichts geht ohne den Beistand der Wörter.» Denn was wäre nicht nur die Literatur, sondern die Welt ohne sie?

Klaus Merz: firma. Innsbruck: Haymon-Verlag, 2019.