Aus den Tälern der Finsternis

Silvio Huonder: Die Dunkelheit in den Bergen. Zürich: Nagel & Kimche, 2012.

Aus den Tälern der Finsternis
«Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?» Diese Frage aus einem Brief Georg Büchners stellt Silvio Huonder einem Kapitel seines neuen historischen Krimis voran. Es ist eine der grossen Fragen der Menschheit, die auch Baron Johann Heinrich von Mont im Jahr 1821 umtreibt. Der 33-Jährige im steifen Gehrock ist als Polizeidirektor für Ordnung und Sicherheit im Kanton Graubünden zuständig, wo nach den napoleonischen Kriegen das Chaos herrscht. Er sieht sich als «Mann der Justiz», als «Apostel des Rechts» gar, der gegen die Finsternis im Menschen antritt. Frei von inneren Widersprüchen ist aber auch der Baron nicht: Den kriegerischen Napoleon bewundert er ebenso wie den Menschenfreund Pestalozzi. Das sogenannte «Lumpengesindel» lässt er noch immer auf dem Galgenhügel in Chur am Strick baumeln, trotzdem ist er dem humanitären Gedankengut der Aufklärung nicht abgeneigt. «Justitia hatte eine Waage in der einen, ein Schwert in der anderen Hand. Ihre Augen waren verbunden. Ihr Mitleid und ihr Erbarmen sollten das Urteil nicht trüben», versucht der Baron sich (auch vor sich selbst) zu rechtfertigen.

Historisch verbürgter Aufhänger von Huonders Roman ist ein brutaler Mord: In der Mühle bei Bonaduz wurden der Hausherr und seine beiden von ihm schwangeren Mägde mit zahlreichen Stich- und Hiebwunden in einer Blutlache aufgefunden. Baron von Mont setzt zwei Landjäger auf die Spur des mutmasslichen Mörders an – bald stellt sich heraus, dass die grausame Tat nicht das Werk eines einzelnen war. Die Verfolgungsjagd führt über steinige Wege durch die wild-rauhe Berglandschaft des Safientals. Viel Misstrauen schlägt den Landjägern von den Bauern entgegen, denen die harte Arbeit und die Armut ins Gesicht geschrieben stehen.

Der in der Nähe von Berlin lebende Bündner Silvio Huonder entwirft in seinem Roman ein stimmiges Bild des Bergkantons im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts und macht die Düsternis in den Bündner Tälern greifbar. Gefängnisakten und Verhörprotokolle, die sich bei Originalzitaten im Text kursiv abheben, bilden den sorgfältig recherchierten historischen Boden. Die Fiktion bleibt, verglichen mit dem Potenzial des Stoffes, hinter der Faktenlage allerdings etwas zurück: Der Ton gerät teilweise gar protokollarisch und auch kompositorisch reicht Huonders neustes Werk nicht an das Niveau seines Romandebüts Adalina (1997) – mit seiner wunderbar leichtfüssigen Verknüpfung von Gegenwart und Vergangenheit – heran. Obwohl Huonder aus unterschiedlicher Perspektive berichtet, bleibt die Figurenzeichnung zu sehr an der Oberfläche. Der Antwort, was denn nun «in uns lügt, mordet, stiehlt», kommt die Leserschaft mit keinem der Protagonisten näher. Silvio Huonders Erzählkraft scheint dennoch durch: etwa an jenen Stellen, wo die ambivalenten Gefühle des Barons sein Trauma aus der Kindheit aufbrechen lassen. Recht und Gerechtigkeit, so lernte er bereits damals, sind nicht immer miteinander vereinbar.