Sibylle Berg: «GRM. Brainfuck»

Sibylle Berg: «GRM. Brainfuck»

«Die Welt retten. Sich damit meinen.»

Wie schon in «Ende gut» (2004) herrscht auch in Sibylle Bergs neuestem Roman der permanente Ausnahmezustand. Das Jahr-tausend übt sich in «tüchtige[r] Endzeitangst», es ist wieder einmal «der Moment vor irgendeiner grossen Finanzkrise, die das Land wieder einmal zum Kollabieren bringen sollte». Ebenso krisengeschüttelt schwankt das lose Handlungsgerüst in «GRM. Brainfuck»: Don, Hannah, Peter und Karen sind «Aussenseiter in einer Welt des normalen Elends» und beschliessen, sich an denen zu rächen, die sie missbraucht und gedemütigt haben. Wer jetzt auf eine muckelige Vier-Freunde-finden-ihre-Solidargemeinschaft-Story hofft, wird enttäuscht. Der Rachefeldzug der nach London geflohenen «Notgruppierung seltsamer Kinder» verläuft sich und die vier werden weiter Opfer rassistischer bis misogyner Angriffe – und das nicht zu knapp. In grotesker Eigenart fliegen einem abgerissene Gliedmassen, Gedärme und zerfickte Körper um die Ohren; in diesem Ideenwhirlpool der Grausamkeiten läuft einem ein Schauer über jedes Lachen. Denn ja: die indifferenten Übertreibungen tragen in ihrer Absurdität eine enorme Komik in sich. Gerahmt wird jede noch so unvorstellbare Brutalität durch sprachgewordene Gleichgültigkeit – ein flapsiges «dito» hier, ein achselzuckendes Indefinitpronomen («Irgendwas ist ja immer») oder ein abwinkendes «Egal» da.

In diesem new normal werden Krisen «(ge)featured, promoted und vermarktet», Anschläge «kuratiert» und Terror «re-branded». Auch der Ausnahmezustand ist dank marktgerechtem Deckmantel salonfähig geworden. Wie aber erzählt man von der permanenten Alarmbereitschaft, ohne sich in die Endloskette populärer Katastrophennarrative einzureihen, die doch wieder nur die nächste Angstlust bedienen? Und wie erzählt man von einer Welt, die über dem manischen Streben nach Sicherheit den eigentlichen Sprengstoffgürtel vergisst, nämlich den, der durch Ungleichheitsverstärkungen, Dauerüberwachung und digitale Isolation tagtäglich den sozialen Rumpf zerfetzt? Am besten so wie Frau Berg: «GRM» ist ein literarischer Flying Circus, der unsere spektakelverliebte Gegenwart in pythonesker Manier persifliert. Im Modus des Tell, don’t show erstellt die kommentierende Erzählinstanz in hyperbolischer Manier eine Kartographie des Asozialen. Der Leserin schlägt ein seltsam gleichklingendes Stimmengewirr entgegen, das vom sadistischen Machtmenschen bis zur Studentin mit ihrem «durchschnittlichen Anfangszwanzigmetropolen- weissemenschenausderabschmierendenmittelschichtlebensentwurf» alle nur vorstellbaren zeitgenössischen Sozialfiguren vorführt, aber nie wirklich zu Wort kommen lässt. Bergs Interesse gilt dem Exemplarischen; keine individuelle Lebensgeschichte, sondern ein Sozialklima wird hier gezeichnet, ein satirisches Zerrbild unserer Gesellschaft.

Am Ende legt man «GRM», durch das man nun über 600 Seiten gejagt wurde, erschöpft zur Seite und erwägt ernsthaft ein Einsiedlerleben auf einer finnischen Insel. Denn seien wir mal ehrlich: «Die Welt retten. Sich damit meinen.»


«Sibylle Berg: GRM. Brainfuck. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»