Andrea Fischer Schulthess: «Motel Terminal»

Andrea Fischer Schulthess:
«Motel Terminal»

 

Meret ist dreizehn und hat noch nie die Wohnung ihrer Tante Julie verlassen: eine Wohnung im «Motel Terminal», früher ein beliebtes Stundenhaus, nun heruntergekommen, im Industrie-und-Agglo-Bermudadreieck kurz vor Zürich gelegen. Meret ist in einem Zimmer eingesperrt, das sie mit ihrem Hamster namens Elvis teilt. Mit Beruhigungsmitteln und beunruhigenden Geschichten über die Gefahren der bösen Welt jenseits dieser vier Wände beherrscht die sie über alles liebende Mutter Nora ihre Tochter. Nora verschwindet oft tagelang. Dann lässt Julie ihre Nichte in die Küche, ölt sich den Gaumen mit Baileys und erzählt Anrüchiges aus der goldenen Zeit des Motels. Kommt Nora den beiden auf die Schliche, sticht sie ihrer Tochter mit einer Nadel in den Oberarm, bis die Tränen kommen.

«Motel Terminal» ist das Romandebüt der Schweizer Autorin, Bloggerin und Journalistin Andrea Fischer Schulthess. Um es zu geniessen, muss sich der Leser aber erst einmal an den Erzählduktus gewöhnen: Die meisten Figuren reden in einem schnodderigen Tonfall, der leider bei allen ziemlich ähnlich ist. Sie werden durch stilisierte Einschübe unterbrochen, die dem Text sprachliche Diversität und Tiefe verleihen sollen, wobei das nicht immer klappt. So stehen Sätze wie «Ihre Haut scheint kaum Poren zu haben, liegt weich und cremefarbig über ihrem Schädel. Umgibt ihn als Hülle, schmiegt sich an das Jochbein und den Kieferbogen, als wären darunter nicht Knochen, Tod, das Ende» und «Schliesslich war Mike ein hysterischer Fascho, ein kümmerlicher Kerl im Körper eines Pitbulls. Die Sorte konnte ihn schon bald für immer kreuzweise am Arsch lecken» nebeneinander. Um solchen Dissonanzen vorzubeugen, wäre konsequentere Arbeit an der auktorialen Rede und eine individuellere Zuordnung des Sprechduktus angezeigt gewesen. Aber: die Narration übernimmt doch ein Erzähler, der immer nahe – manchmal fast zu nahe – an den Figuren ist. Und Merets Tagebucheinträge zeigen eine erfrischend naive, kindliche Perspektive. Fischer Schulthess gelingt es auf diesem Weg, mit jeder Figur eine neue Welt zu erschliessen, sie fertigt kleine Porträts menschlicher Abgründe. Vergangenheit, Träume und Traumata der Figuren liegen offen, so dass man sich als Analytiker versuchen und ein Profil der Figuren erstellen kann.

«Motel Terminal» ist also dramatisch und aufregend, wohl aber auch ein wenig kitschig und manchmal etwas tiefgründelnd. Gut möglich, dass einige Leser schon nach den ersten Seiten aufgeben. Schade wäre das, werden danach doch die Kapitel kürzer, mitreissender und stets intensiver, während der Roman auf sein völlig überraschendes Ende zusteuert.

Andrea Fischer Schulthess: Motel Terminal. Zürich: Salis, 2016.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»