Szenen aus einem vergangenen Sommer

Drei kurze Prosastücke und Gedichte von François Debluë, der für sein Werk «La seconde mort de Lazare» ausgezeichnet wurde.

Szenen aus einem vergangenen Sommer
François Debluë, fotografiert von Younès Klouche/BAK.

I
Sonntagmorgen

 

An einem schönen Sommermorgen hatte er es unternommen, in seinen alltäglichsten Angelegenheiten Ordnung zu schaffen. Seit Jahren wusste er um die Notwendigkeit: Der triste Anblick, den ihm seine Alltagsschublade bot, hätte jeden x-beliebigen Benutzer ohne weiteres überzeugt. Alles häufte sich darin an, geriet durcheinander, Büroklammern, Radiergummis, Druckbleistifte, Notizblöcke, Bonbons, Gummibänder, Briefumschläge und Filzstifte, alles übereinandergeschichtet; doch er kam damit einigermassen zurecht, so dass seine Nachlässigkeit ihm selbst erträglich blieb.

An diesem Morgen indessen hatte er sich die lästige Arbeit vorgenommen. Es war keine grosse Entscheidung gewesen, keine dieser Entscheidungen, wie man sie zuweilen in einer Krisen- oder Notsituation treffen muss. Nein. Er hatte sich wie aus Versehen daran gemacht, wie aus Zerstreutheit – fast um die Zeit totzuschlagen.

Sein Ehrgeiz hatte sich freilich zunächst bescheiden angelassen. Er hatte begonnen, die oberen Schichten seiner Schublade umzugraben. Von einer Umschichtung zur anderen nun war er, wie ein Archäologe, aber ohne dessen Begeisterung, auf tiefere und weniger einladende Schichten gestossen. Da gab es eselsohrige Notizblöcke, verstaubte und nicht mehr brauchbare Post-its, von den Jahren verbrutzelte Radiergummis. Es gab sogar einen Taschenkamm, der zu guter Letzt zwei Zähne verloren hatte. Doch damit sollte das Abenteuer nicht zu Ende sein.

Den Papierkorb fest zwischen die Knie geklemmt, hatte er das grosse Aussortieren in Angriff genommen. Ohne Wehmut entledigte er sich alles Überflüssigen, Verschlissenen, Verschmutzten. Schon lange hatten die Haare begonnen, seinen Schädel zu verlassen, und da kamen ihm doch, in einem anderen Teil seiner tiefen Schublade, weitere Taschenkämme in die Hand, die er auf immer verschwunden geglaubt hatte. Er hatte unaufhörlich neue gekauft, um sie zu ersetzen. Es waren ihrer mindestens fünfzehn, alle ungefähr gleich. Genug, damit er sich fortan bis ans Ende seiner Tage würde kämmen können – und er durfte sogar davon träumen, dass seine Enkel sie nach seinem Tod unter sich aufteilen und sich ihrerseits, aus Treue und nicht ohne Stolz, mit diesem Teil ihres Erbes kämmen würden. Das nannte man eine Erbfolge, eine echte, und das eröffnete ihm, während er seine Tage doch gezählt wusste, echte Perspektiven.

Er hatte aber auch Vorräte an Bonbons aus anderen Zeiten wiedergefunden, einen ganzen Fundus für monatelanges Lutschen; Vorräte an antistatischen Brillentüchern für klare Sicht auf Jahre hinaus und natürlich Bleistiftminen, Stifte, Tintenvorräte, genug, um drei Dutzend dicke Bände vollzuschreiben und die Druckfahnen zu korrigieren bis zum letzten Atemzug.

Ja, wahrhaftig, trotz seines Alters hatte er noch mehrere Zukünfte vor sich.

***

II
Distanzen

 

Die Gasse ist alt, mit kleinen grauen Pflastersteinen gepflastert, leicht abfallend.

Man findet hier Läden, die zu den elegantesten der Stadt gehören. Parfümerien, Modeboutiquen, Geschäfte für Zigarren und seltene Pfeifen, Luxusbijouterien und Drogerien der Spitzenklasse: Die einen und die anderen liegen nah beieinander und liefern sich einen stummen, aber hitzigen Konkurrenzkampf. Es fehlt hier selbstverständlich auch nicht ein Bankinstitut, der verrufensten eines, samt einer Reihe von Geldautomaten, die allen möglichen Ausgaben förderlich sind.

Um diese Zeit und in dieser Saison ist die Gasse wenig belebt. Die Leute sind am Strand, Ferien verpflichten, es sei denn, sie seien zu ferneren Abenteuern unter anderen Himmeln unterwegs.

Vor einer der Modeboutiquen zieht ein weibliches Mannequin die Blicke auf sich.

Jung, wie es sich gehört, schwarzes, kurz geschnittenes Haar, rosig frische Wangen, ein eher dunkles Rouge auf den Lippen, leicht verächtlicher Flunsch, braune Augen, lebhafter Blick, hat sie eine schlanke Taille und ranke Beine – das gehört zu den Spielregeln. Sie steht schön aufrecht da, ein Bein etwas weiter vorn als das andere, das linke Knie leicht angewinkelt. Der Hüftschwung ist diskret, aber sicher, und die Absätze berühren den Boden nicht, ohne dass sie deswegen auf den Fussspitzen stehen würde. Alles ist kalkuliert. Sie ist bereit, sich in Bewegung zu setzen – und verharrt doch regungslos.

Madame trägt eine leichte Bluse, einen dunklen, schmalen kurzen Rock, den ein knallroter Gürtel zusammenschnürt. Noch stärker wird die Aufmerksamkeit auf der Schwelle zu dieser Boutique allerdings dadurch in Anspruch genommen, dass sie, obwohl offenbar nicht unbedingt gesprächsbereit, einen fast einladen würde, ein paar Schritte mit ihr zu machen, hier, mitten auf der Strasse, hangabwärts. Ihr vorgestreckter linker Arm zeigt einem den Weg, und die Finger scheinen auf einen Punkt am Horizont hinzuweisen, es sei denn, dass sie auf irgendeinen Passanten zielen, der gerade die Gasse heraufkommt.

Einer von ihnen hat nun genau vor ihr angehalten. Er spricht sie an, mit lauter Stimme. Er hat zunächst Distanz gewahrt. Sie schüchtert ihn wohl etwas ein, trotz allem. Doch was soll’s? Er legt los!

Er ist dick, kräftig; dürfte um die fünfzig sein. Die Wangen sind aufgedunsen, nicht sehr rasiert; das Haar schütter. Die paar Gläser, die er wohl getrunken hat, bevor er zufällig hier vorbeikam, werden ihm einen stolzen Dienst erwiesen haben: Ohne sie hätte er niemals den Mut gehabt näherzutreten, und er hätte nicht vergessen können, dass es Zeugen geben würde, die ihrerseits hier vorbeikamen.

Er hat sie mit einem Anflug von Pathos und Frechheit begrüsst, wie Sganarelle in der Komödie von Molière eine der Preziösen begrüsst hätte. Gern würde er sich über sie lustig machen, doch er wagt es nicht. Sie beeindruckt ihn. Sie imponiert ihm. Er kredenzt ihr ein «Madame». Er siezt sie. Man weiss Distanz zu wahren.

Er schwitzt; er wischt sich mit einem alten Taschentuch über die Stirn. Das T-Shirt ist nicht allzu sauber und quillt aus der Hose. Doch daran soll’s nicht liegen: Bloss der erste Schritt fällt schwer, die ersten Worte. «Madame, Sie sehen mich sehr geehrt!… Madame, Sie dünken mich schön! Wenn Ihr…» Doch er verhaspelt sich trotz allem, zögert, gerät auf Abwege. Man ahnt, dass Komplimente nicht seine Stärke sind, dass sie nicht zu seinem Repertoire gehören.

Schlecht und recht erklärt er ihr, dass sein Leben nicht gerade rosig, dass eine so fantastische Begegnung ihm nur selten gewährt, dass es lange her sei, dass und dass und dass…

Auf zwei, drei Passanten, die den Schritt verlangsamt haben, auf den, der sogar stehengeblieben ist und ihn aus einiger Entfernung, aus dem Hintergrund, beobachtet, gibt der Redner überhaupt nicht acht. Es zählt allein seine Dame, seine Glanzvolle, Blendende.

Er zögert nicht mehr indessen, stottert nicht im Entferntesten mehr. Jetzt hat er richtig losgelegt, kommt in Fahrt.

Fest auf seinen beiden Beinen aufgepflanzt, wird ihn nichts mehr aufhalten.

Sie wird ihn nicht aus den Augen lassen, das weiss er, sie wird ihm nicht entwischen. Er hat das Terrain eingenommen, und den Horizont. Sie gehört ihm.

Man ahnt ein bisschen Schaum auf seinen Lippen und zwei, drei verkrümelte Zähne, aber das Mundwerk läuft noch gut.

Er ist noch zwei, drei Schritte nähergetreten. Sie hat sich nicht bewegt. Er erkühnt sich, streckt den Arm aus, die dunkle Pfote, streicht der Unbeweglichen über die Wange, die bei ihr frisch und rosig ist, wie man weiss. «Du bist die absolute Traumfrau.» Er sagt es, ohne zu zögern. Er duzt sie, ohne zu zögern. «Du machst nie blöde Bemerkungen deinem Freund gegenüber, was!»

Sie erwidert nichts, in der Tat; sie macht nicht den geringsten Einwand. Unbeweglich und lebendig, einer Wachspuppe gleich, bewegt sie sich nicht um Daumen-, nicht um Ohresbreite.

Ich hatte dennoch beschlossen, meinen Weg fortzusetzen. Ich wollte nicht indiskret sein. Ich wusste bereits zu viel. Doch als ich mich umdrehte, ein bisschen weiter oben in der gepflasterten Gasse, hatte er sich schon von ihr entfernt. Er hatte kehrtgemacht.

Ich sah ihn von hinten, die Hände in den Hosentaschen, wie er sich dem Abschüssigen überliess, ohne auch nur einen Blick für irgendwen und für keines der Luxusschaufenster.

Ich weiss nicht, ob er sich höflich von seiner schweigenden Ansprechpartnerin verabschiedet hat oder ob er sie ganz einfach plötzlich hat stehen lassen.

Ich weiss bloss, dass, als ich am nächsten Tag wieder hier vorbeikam, das Mannequin verschwunden war.

III
Sommerabend

 

Ein leichter Wind ist aufgekommen, ein fast kühles, wohltuendes Lüftchen nach einem hochsommerlich heissen Tag.

Der August ist bereits weit fortgeschritten, die Sonne geht jeden Abend etwas früher unter. Ich sehe es an den Dachfirsten hinter mir, wenn ich auf dem Balkon lese. Und ich sehe gar nicht erfreut die frühen Nächte zurückkehren.

Im Schein einer Lampe, die auf zwei Sicheln montiert ist, wie sie die Erntearbeiter früher benutzten, überfliege ich die Zeilen eines bewundernswerten russischen Denkers. Auf der vor mir aufgeschlagenen Seite machen sich geschäftig Marienkäfer und kleine Mücken zu schaffen. Sie sind zwischen Kierkegaard und Aristoteles unterwegs, doch wir kommen sehr gut miteinander aus, ich lasse sie ihre Entdeckungen machen.

Erst später wird meine Aufmerksamkeit plötzlich durch dumpfe nächtliche Explosionen abgelenkt. Ich muss mich von meiner Lektüre abwenden – um in der Ferne, aus der Nacht am anderen Seeufer mir gegenüber aufgetaucht, riesige Sternensträusse zu erblicken, hohe Garben mit roten oder grünen Federbüschen, schemenhaft goldene Palmen, fast sämtliche Varianten eines Feuerwerks.

Ich nehme die Lektüre wieder auf. Bemühe mich um Konzentration. Es ist jetzt von Vernunft und Glauben die Rede, von Athen und von Jerusalem, von Plotin, Kant und Nietzsche. Ich ermesse meine Ignoranz. Widme mich Herausforderungen der Reflexion. Doch plötzlich zerreisst ein Geheul die Nacht, in den Reben, ganz nah, ein langer, durchdringender Schrei, ungleichmässig, bald stockend – wie der Hilferuf eines unsichtbaren Tiers, das in die Klauen oder den Rachen von etwas geraten ist, das grösser ist als es. Und dann, so plötzlich wie er ertönt ist, bricht der Schrei ab.

Umso brutaler ist die Stille.

Es hätte ein heiterer Sommerabend sein sollen. Doch, ob festlich oder mörderisch, von Ausbrüchen aller Art ist man nie weit entfernt. Was Träumer und Philosophen auch wünschen mögen.


 

Infinitifs
(poèmes)

Arpenter les rues
d’une ville capitale
sans perdre la tête
y croiser de belles inconnues
et   non loin   de tristes sorts :
éclopés   vieillards et mal foutus

Y marcher encore
au hasard des passages et des impasses
pousser (pourquoi pas ?) la porte d’une cathédrale
risquer là une prière incertaine
puis   fatigué
pousser la porte d’un vieux café

Sans plus bouger
enfin
les yeux à demi fermés
poursuivre alors
pour un temps
de douces et vagues rêveries.

 

Revenu à la ville familière
trimballant tristesses
obscures et folles espérances
amours insensées
et vaines attentes
sans but déambuler
parcourir rues et venelles
sans s’y perdre ni s’y retrouver

 

Y saluer de vagues connaissances
faire au moins l’aumône au mendiant
qui lui aussi espère et attend.

 

Infinitive
(Gedichte)

Die Strassen einer Stadt
durchmessen Hauptstadt
ohne den Kopf zu verlieren
unbekannten Schönen begegnen
und   unweit   davon tristem Los:
Lahmen Greisen kaputten Gestalten

 

Weitergehen hier
durch Sackgassen, Passagen, wie’s grad kommt
die Tür zu einer Kathedrale aufstossen (warum nicht?)
da ein ungewisses Gebet riskieren
dann   müde
die Tür aufstossen zu einem alten Café

 

Ohne sich mehr zu regen
schliesslich
mit halb geschlossenen Augen
eine Weile nun
süssen vagen Träumen
nachhängen.

 

Wieder in der vertrauten Stadt
dunkel Kummervolles herumkutschierend
aberwitzige Hoffnung
unsinnige Liebesgeschichten
und vergebliches Warten:
ziellos herumbummeln
in Gassen und Gässchen
sich weder verlieren noch finden hier

 

Entfernte Bekannte grüssen da
dem Bettler zumindest ein Almosen geben
der seinerseits hofft und wartet.

 


Zu Debluës ausgezeichnetem Werk «La seconde mort de Lazare» (Editions L’Age d’homme, 2019):

Kennen Sie die Geschichte von Lazarus und seiner Auferweckung von den Toten? – Sicher, werden Sie sagen, und an die Bibel denken: Vier Tage nach der Beisetzung kommt Jesus an Lazarusʼ Grab und ruft ihn, er solle heraustreten – und dieser tut, wie ihm geheissen. Doch das Johannesevangelium erzählt eben nur die halbe Geschichte: Da hier der Messias der Star der Erzählung ist, schwenkt der Fokus nach der wundersamen Erweckung wieder weg von Lazarus. Jesus hat noch ein paar Mirakel auf der To-Do-Liste, Chronist Johannes ist dabei (oder kennt jemanden, der jemanden kennt, der dabei war) und protokolliert eifrig.

Aber was geschieht mit Lazarus und seinem neuen Leben? Das hat sich François Debluë gefragt und daraus diesen wunderbaren Roman imaginiert, erzählt in kurzen Szenen aus einem einfachen Alltag, mit Worten fast schon geizend, woraus sich die Dramatik umso eindringlicher entwickelt. Vielleicht blendet Johannes auf dem Höhepunkt aus, weil das Ganze gar nicht so erfreulich weiterging? Bei Debluë leidet Lazarusʼ Ehe enorm und die Kinder kommen auch nicht so recht damit klar, dass ihr toter Vater plötzlich wieder da ist. Und so wird diese zweite Chance vielleicht sogar schon zu Lebzeiten zu «La seconde mort de Lazare». Ganz schön hintersinnig, Monsieur Debluë, dieses Buch dennoch «den Überlebenden» zu widmen!

Der 1950 in Pully geborene François Debluë, in der Westschweiz vor allem für seine Lyrik bekannt, ist ein gutes Beispiel für den im letzten «Literarischen Monat» problematisierten Lese-Röstigraben. Sein Werk umfasst nicht weniger als 31 Publikationen und wurde u.a. mit dem Prix Dentan und gleich zweimal mit dem Schillerpreis ausgezeichnet. Ins Deutsche übersetzt wurde bisher nur «Troubles fêtes» («Jubel Trubel», Benziger 1993). Möge der Preis das ändern. (sb)

Ein Zitat aus dem Werk:

«Mon Dieu, mon Dieu, pourquoi m’as-tu abandonné?»
Psalm 22, «La seconde mort de Lazare» (Editions L’Age d’Homme, 2019) als Motto vorangestellt

«Das Magazin, das in der
Schweiz gefehlt hat!»
Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»