«Herr Mezger, wie vereinbaren Sie Arbeit und Familie?»

Von all den üblichen Schlussfragen ist das die einzige, die mir nie gestellt wurde. Nicht, weil ich keine Familie habe. Weil ich ein Mann bin. Nichtmännern mit Familie stellt man diese Frage laufend. Und ich weiss jetzt nicht recht: Soll ich beleidigt sein oder froh?

Ich habe ja durchaus immer wieder ­versucht, die Rede auf solcherlei zu bringen. Wenn da die Frage kommt, warum es denn so lange gedauert hat, bis nun endlich (dieses «endlich» denke ich mir, selbstbewusst wie ich bin, selbst dazu) Roman Nummer zwei erschienen ist, dann antworte mit einer Liste. Einer der Punkte: Weil ich Familie habe.

Nachhaken tut man aber lieber bei anderem: Ach so, Sie schreiben also weiterhin auch fürs Theater?

Halten wir fest: In der Welt der Literatur sind die Dinge noch klar und ordentlich: Kinder, das hat irgendwas mit Frauen zu tun. Männer, die haben anderes zu schaffen.

Aber ja, wie vereinbart man denn nun Arbeit und Familie?

Ist das schwer?

Wenn man Familie hat, dann muss man ein bisschen effizienter sein als davor. Und die effizienteste Art, effizient zu sein, ist: viel Zeit haben für Ineffizienz. Früher ging das so: Man denkt ewig über was nach, geht dabei spazieren, trinkt mit Menschen Bier, man tag- und nachtträumt und setzt sich dann irgendwann an den Computer und rattert den Text nur so runter. Im Kopf wurde er ja längst ­geschrieben. Man denkt: Wow, bin ich schnell!

Heute sitzt man häufiger am Computer als früher, denn man ­musste sich die Zeit schliesslich hartnäckig aushandeln. (JA, ich muss heute UNBEDINGT arbeiten, ich nehme die Kinder dann morgen ­wieder, aber JETZT muss es sein, sollen wir nicht eh einen Kita-Tag ­dazubuchen, warum den Hort nicht bis 18 Uhr, ich MUSS ARBEITEN, es ist WICHTIG!!) Und nun muss man die Zeit auch nutzen und hat darum keine Zeit fürs Ineffizientsein und ist darum nicht besonders effizient, sondern sitzt so rum und spaziert nicht, trinkt kein Bier, tagträumt nicht, denkt nur: Lohnt es sich überhaupt, hier zu sitzen, wo ich doch gar nicht arbeite?!

Sollte ich nicht besser zu Hause sein?

Bezahlen wir echt Kita für so was?

Und wenn man es schafft, hier mit Überzeugung «ja!» zu sagen, ineffizient hocken zu bleiben, dabei darauf zu warten, dass aus Nichtstun Text wird, und das Rumhocken Arbeit zu nennen, wenn man das kann, dann ist Schreiben auch mit Familie so was von einem Kinderspiel.

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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