Daniel Mezger: Mensch Meier

Daniel Mezger: Mensch Meier

Ein Durschnittsmensch träumt sich spannend.

Von Kiel nach Zürich geht die Mitfahrgelegenheit, und spätestens ab Hannover kann D., Protagonist und Durchschnittsmeier, sich auf fast nichts anderes konzentrieren als auf Ursina, die neben ihm auf der Rückbank sitzt. Dänin ist sie, mit tschechischen Wurzeln, und auf der Suche nach Hans Meier, ihrem Erzeuger, der ihre Mutter sitzengelassen und sich nie wieder gemeldet hat. Hans Meier, so heisst auch D.s Vater. Was reicht, um D.s Kopfkino gehörig Schub zu geben: Was, wenn ebendieser Hans Meier, sein Vater, mal in einem Seitensprung … es wäre einmal etwas Spannendes in seiner Familiengeschichte. Und so lässt D. mit seinen Fragen nicht locker, auch wenn sein Englisch «rusty» ist und Ursina kurz angebunden.

Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein: Da ist auf der einen Seite Ursina, auf der Reise nach Zürich, um diesen Vater zu finden, vielleicht auch um der unvermittelten erwachten Spiessbürgerlichkeit ihres Freundes zu entfliehen und dem Leben ganz allgemein; Ursina, die sich an ihren Zigaretten festhält, als würde sie sonst umfallen; Ursina, die Kunst studiert und das gar nicht mal so schlecht. Auf der anderen Seite D., dem die Mittelmässigkeit schon am Namen haftet, ein aus dem Studium geschmissener Schauspielstudent mit einem unerwünschten Talent für Statistik, gerade mehr oder weniger frisch getrennt von seiner Freundin, dem jedes Mittel recht ist, um sich den eigentlich zu tätigenden Entscheidungen des Lebens zu entziehen.

Ursina ködert ihn mit ihrer kühlen Unberechenbarkeit und katapultiert D. in einen Zustand zwischen «Das könnte meine Halbschwester sein, lass uns ein Buch darüber schreiben» und «Ich möchte mit ihr ins Bett, und zwar sofort», der ihn noch fahriger und unentschlossener macht. Nach einem ergebnislosen Besuch bei ihrer Grossmutter düst Ursina wieder nach Kopenhagen – und D. hinterher: um ihr das verlorengegangene Handy wieder zu bringen und sich noch etwas weiter in Ursinas Leben zu verstricken.

Daniel Mezger, Autor und Musiker, bringt mit «Alles außer ich» sieben Jahre nach seinem Debüt «Land spielen» seinen zweiten Roman heraus: Es geht um Identität, um die Flucht davor und vor der Frage: Wohin dann? Während Ursina nicht will, dass ständig Leute ihr Leben sezieren, um ihr Verhalten zu erklären und auf die Malaise ihrer Kindheit zu schieben, möchte sich D. eine spannendere Vergangenheit zusammenschustern. An wenigen Schauplätzen zeichnet Mezger das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Leben, Wünsche und Hoffnungen. Der Roman erhebt keinen Anspruch darauf, die Welt zu erklären, die Welt zweier europäischer Kreativer auf Sinnsuche beschreibt er unaufgeregt, ohne sprachlichen Popanz in gerade dadurch lebensnahen, glaubwürdigen Situationen. Etwas blass bleiben einzig die Rückblenden in die Vergangenheit von Ursinas Mutter Stine – und folglich zeigt sich auch die Figur des unergründlichen Hans Meier nicht allzu scharfkantig. Aber vielleicht ist er das ja auch einfach – ein Durchschnittsmensch, ein Meier eben.


Daniel Mezger: Alles außer ich. Zürich: Salis, 2019.

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