Ilma Rakusa: «Impressum: Langsames Licht. Gedichte»

Ilma Rakusa:
«Impressum: Langsames Licht. Gedichte»

 

Fünfzehn Jahre nach ihrem letzten Gedichtband «Love after Love» (Suhrkamp) legt Ilma Rakusa mit «Impressum: Langsames Licht» eine neue Gedichtsammlung vor. Die rund neunzig Gedichte sind in sieben Einheiten gegliedert, die Rakusa schlichten, fast plakativen Überschriften unterordnet: «Melancholien», «Zeiten», «Bilder», «Hommagen» … Jedem Kapitel stellt sie ein Haiku voran, welches dem Lesen Richtung gibt: «Wenn Farben sprechen / Linien Säume bilden / entsteht eine Welt» zum Beispiel.

Licht, Schnee und Bewegung ziehen sich wie ein roter Faden durch den Gedichtband, der eine beinahe sphärische Ruhe ausstrahlt. Dennoch kann man Rakusa keine Alltagsblindheit vorwerfen, denn ihre Gedichte wirken selten entrückt. Immer wieder beleuchtet sie auch das Politische: «… wir werden umgepflügt / geteilt vereint wieder geteilt / gespalten / die Gezeiten übersetzen wir / in eine blinde Sprache / und buchstabieren Zukunft / aus Zeitnarben…» Aber auch das Private findet Eingang in ihre Lyrik. Unter dem Titel «Dinge» schreibt sie Hymnen auf alltägliche Gebrauchsgegenstände wie eine marokkanische Schale, ein Schlafzimmerbild oder eine Puppe.

Rakusa ist eine Reisende, ein «Unterwegskind», wie sie sich in ihrem 2009 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichneten Roman «Mehr Meer. Erinnerungspassagen» nennt. Der Osten Europas; Prag, Lemberg, Odessa, aber auch der Nahe und der Ferne Osten; Peking, Kyoto, Kairo und Teheran werden im Kapitel «Orte» zu bildstarken Stationen, an denen Rakusa haltmacht. Und Zürich, Rakusas Wahlheimatstadt? Es findet nur am Rande Platz: «Am Strand liegt sie erschöpft / von der Street Parade / Füsse im See Kopf im Gras / etwas dröhnt noch partynah / die Beats haben das Zeug / sich festzusetzen …» Beats und Rhythmus zeichnen Rakusas Sprache aus. Ihre Gedichte sind Musik und manchmal Litanei, zugleich aber auch Arbeit in und an Sprache – an der Form der Lyrik. In «Impressum: Langsames Licht» entsteht allmählich eine Mystik und Musik des Alltags, mit der Rakusa den gewohnten Blick auf Welt und Sprache aufbricht. Schon der Titel bricht mit mancher Gewohnheit, ist doch das druckerschwarz lastende Wort «Impressum» irgendwie fehl am Platz in Kombination mit der Alliteration «langsames Licht». Vielleicht ist es ja genau das, was die Autorin will: Reibung schaffen. Und dann erst das letzte Gedicht ihrer Sammlung! Es begleitet einen, fast ein Zauberspruch, noch lange nach der Lektüre: «Streichle das Blatt / küsse den Hund / tröste das Holz / hüte den Mund / zähme den Kamm / reime die Lust…»

Ilma Rakusa: Impressum: Langsames Licht. Gedichte. Graz: Droschl, 2016.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
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Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
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