Zu Guy Krnetas «Unger üs»

Eine Laudatio.

Zu Guy Krnetas «Unger üs»
Guy Krneta, fotografiert von Sébastien Agnetti (BAK).

Auch «Unger üs» liest sich einfach. Guy Krnetas Sprache, eine Kunstsprache, Mund-Art, lebt vom Ton, vom Rhythmus der gesprochenen Sprache. Und wer den Autor einmal hat lesen hören, nimmt diesen Klang im Ohr mit, lässt sich von ihm begleiten beim Lesen. Es ist aber nicht nur die vertraute Sprache, vom Autor als Literatursprache verwendet, die den Zugang zu Mundarttexten wie jenen von Guy Krneta, Ernst Burren, Pedro Lenz und vielen mehr plötzlich als ganz selbstverständlich erleben lässt – es sind die Geschichten selbst, die sie erzählen, die Leserinnen und Leser mitnehmen.

Guy Krneta wählt in «Unger üs» die Familie, bestehend aus drei Generationen, zu seinem Thema. Thema ist dabei eigentlich das falsche Wort: Vielmehr bietet die Familie über mehrere Generationen die Grundlage für die Geschichten, die Krneta erzählt. Familie ist ein Fundus, so auch diese Familie hier. Am Anfang steht der Grossvater, der berichtet, wie er seine Sachen nicht mehr finde, die Brille, die Schlüssel, das Auto. Und er beginne zu suchen, erfolglos, gebe auf. Dass alle Sachen ein Recht hätten, zu verschwinden, ist das Fazit seines Nachdenkens über das Verschwinden – und damit hat sich Grossvaters Nachdenken bereits in unserem Kopf festgesetzt und dort ein Nachdenken in Gang gesetzt.

So funktionieren Guy Krnetas Geschichten – aus dem Leben gegriffen, würde man gerne sagen, wenn diese Bezeichnung nicht so abgegriffen wäre. Aus meinem, unserem Leben gegriffen, trifft es vielleicht besser. Denn wer kennt sie nicht, diese Familientreffen. Und Grossvater löst wohl nicht nur bei mir ein «Genau so isch es» aus, wenn er sagt: «Geng we d Familie zäme syg, gäb’s Krach. Das syg scho früecher so gsi. Drby gsäche mr is so säute. Är heig aube tänkt, das hör de irgendeinisch uuf. Aber im Gägeteil, itz heig’r grad der Ydruck, das hör nie uuf, das föng geng wider aa.» Bei Krneta lädt der Grossvater die Familie ein, um über das Grab zu sprechen: man müsse entscheiden, ob das Familiengrab noch weitere 25 Jahre erhalten bleiben solle. Dass eine solche Frage nicht ohne Streitereien, ganz sachlich und mit kühlem Kopf diskutiert werden könnte, ist sozusagen unvorstellbar. Und eben nicht, weil man sich nicht einigen könnte, sondern weil sich das Familienalbum öffnet, die Erinnerungen wieder da sind, die Verletzungen, Eitelkeiten, Eifersüchteleien und Rivalitäten.

Bei Krneta führt der Ich-Erzähler durch die Geschichten. Zwischen ihm und dem Grossvater sind politisch kaum grössere Gegensätze vorstellbar – hier der stramme BGB-Politiker, Gründer einer Herrenmode-Kette und Aktivdienstoffizier, da der Dienstverweigerer und langhaarige Sucher, der in Genf seine Strafe in Halbgefangenschaft absitzt, dort die Portugiesin Isabel kennenlernt und hofft, er sei der Vater ihres Kindes, das sie in Lima zur Welt bringt. Hier sind die klaren Werte und Ordnungen, da der Aufbruch, der Hunger nach Leben und die Hoffnung auf eine bessere, weniger in starren Strukturen verharrende Welt. Und doch gibt es dieses Band zwischen den beiden Männern – in Familien ist das möglich. Ebenso möglich: Unggle Sämi. Zwölf Jahre älter als der Ich-Erzähler, erzählt er die unwahrscheinlichsten Geschichten und gewinnt so die Bewunderung…

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