Wo das Buch zur Randnotiz wird

Von der Studierstube auf den Rummelplatz: Selbst renommierte Verlagshäuser 
versenken Literatur immer häufiger zwischen Banalitäten und Hochglanzfotos. Kritik der zeitgenössischen Verlagsvorschau.

Wo das Buch zur Randnotiz wird
Mann mit Buch und Schirm, im Toten Meer treibend. 
Photo Department der «American Colony» in Jerusalem, 
heute ein Hotel, um 1900 / Library of Congress.

Wer sich über den Zustand der deutschen und internationalen Literaturkritik informieren möchte, sollte nicht in Feuilletonseiten, sondern in Verlagskatalogen blättern: in ihnen begegnet man der Quintessenz an kritischem Geist und Formulierungskunst, die man heute darin erwarten kann. «Dieses Buch nimmt es mit dem ganzen Leben auf.» Oder: «Eine tief bewegende Parabel.» Oder: «Ein Roman wie ein wunderbarer, schwindelerregender Spiralnebel.» Oder: «Ein Klassiker, der an seiner Heutigkeit nichts eingebüsst hat.» Oder: «Sprachgewandt, spannend und elegant.» Solch überbordender Banalität entgeht niemand, ob Debütant oder längst arrivierter Schriftsteller. Dem «Spitzentitel», nämlich einem neuen Roman Martin Walsers, widmete Rowohlt sechs Seiten, die ersten beiden beherrscht durch ein stattliches Halbfigurenporträt und untermalt von Kritikerzitaten, die von «unvergleichlicher Erzählkunst» schwärmen oder dass uns «kein anderer deutscher Schriftsteller so zuverlässig in Wallung» versetzt wie dieser Walser mit seinem Blick in die «Abgründe der menschlichen Verhältnisse».

Zweimal im Jahr stapeln sich die neuen Verlagskataloge in Buchhandlungen, Redaktionen und auf den Schreibtischen der Rezensenten. Es sind in der Regel grossformatige DIN-A4-Hefte, oft hundert und mehr Seiten umfangreich, nicht selten auf Glanzpapier vierfarbig gedruckt, broschiert, manchmal (wie bei Steidl) sogar mit Fadenheftung und mit hart kartoniertem Umschlag. Die Aufmachung ist auch hier schon wichtige Botschaft: das sind alles Edelprodukte, wie man sie aus anderen Geschäftszweigen kennt, aus den Hochglanz-Fotomagazinen von Mercedes oder BMW zum Beispiel. Adressaten sind die Buchhändler, die danach ihr Sortiment planen und die Besuche der Verlagsvertreter vorbereiten. Zeitungsredakteure richten danach ihr Rezensionsprogramm, Kritiker ihre Besprechungswünsche. Haben sie ihren Zweck erfüllt, landen sie im Papierkorb.

So war das jedenfalls über Jahrzehnte. Niemand hob sie auf, sammelte oder archivierte sie gar systematisch, auch nicht die Verlage selber. Das hat sich zum Glück geändert. Es gibt Bibliotheken, die ihre Sammeltätigkeit auf dieses kurzlebige, scheinbar bloss handelsorientierte Produkt des Buchmarkts ausgedehnt haben, in Marbach befindet sich eine der grössten Sammlungen, freilich nur ziemlich spärlich bestückt für die 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dabei geben diese Kataloge, die über Vermittlung von Buchhandel und Literaturbetrieb zuletzt auf den Endverbraucher – den Leser – zielen, einen anschaulichen Begriff von dessen Lesevorlieben. Sie spiegeln seine Wünsche und Abneigungen, seine Lektüregewohnheiten und sein Selbstverständnis, zuletzt auch die ihm geläufige Gesprächsebene über das Buch.

 

Von der Studierstube in den Medienrummel

Darüber hinaus die historischen Veränderungen in der Literatur, ihrer sozialen Bedeutung, der Rolle der Autoren, der Verlagsprofile, zuletzt der Kultur einer ganzen Gesellschaft: Die Autorin einer «Weltgeschichte der deutschen Literatur» (in 450 Seiten!) «will zeigen, wie…

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In Reih und Glied: Stifte von Ludwig Hohl (SLA, Bern).
 © Schweizerische Nationalbibliothek (NB), Simon Schmid.
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