Jetzt geht’s los! – Geht’s je los?

Werner Rohner: Das Ende der Schonzeit. Basel: Lenos, 2014.

Ich mag die Statusupdates von Werner Rohner. Er numeriert sie durch. Beim Schreiben dieses Textes ist er bei Nummer 79 angekommen. In diesen Facebookposts kondensiert Werner absurde Sach- und Sprachverhalte – die beiden Ebenen oft ineinander verstrickt – in Ein- bis Fünfzeiler, etwa «66. Überwinde Dich nur, wenn es um was geht, was Dir wichtig sein könnte, dann aber öfters» oder «5. Bewusst auf Zusammenhänge verzichten».

In seinem neuen Roman «Das Ende der Schonzeit» haben wir es mit dem genauen Gegenteil ­dieser Zuspitzung zu tun. Darin wird ein Nullplot auf 178 Seiten ausgewalzt. Nicht, dass nichts geschieht, aber Lieben, die sich abreiben, erfüllende und weniger erfüllende Jobs oder gar der Lungenkrebs einer nahen Verwandten machen keine ­Geschichte. Und das muss auch so sein, denn ­während des Lesens aktualisieren sich gerade deshalb dauernd diese scheinbaren Aufbruchsmomente, die Gefühle des ewigen Jetzt, Schwerelos-Momente auf der Achterbahn an der Basler Herbstmesse. Diese von 90er-Techno-Soundsamples unterbrochenen «Jetzt geht’s los! Wer hat noch nicht, wer will nochmal?»-Ansagen auf jedem Rummelplatz.

Die Klischees der Schweizer «Hüsli & Gärtli»-­Literatur meidend, baut Werner ein Leben nach, das vielleicht langweiliger, vielleicht gefühlsintensiver ist als meines, trotzdem erkenne ich mich in den scheinbar relevanten Zufällen stets wieder. Diese Zufälle, die uns allen das Gefühl geben, dass wir jetzt! jetzt! jetzt! an dem Punkt sind, an dem ein Aufbruch stattfindet, an dem wir in eine neue Phase ­treten, an dem wir das Mattglas des Alltags durchbrechen. Und dabei weiss ich, dass mein Leben trotz jedem «Ich bin so was von 17!»- und jedem «Ab jetzt werde ich seriös»-Moment ein Schwall von Erfahrungen ist, der grob von einem Nine-to-Five-Alltag und meinem privaten Umfeld gegliedert wird. Enden, Anfänge und Fernsehabende galoppieren übereinander weg.

Nach den ersten 40 Seiten habe ich Werner eine Facebooknachricht geschrieben. Darin habe ich ­einerseits die knausgardeske Beschreibungsgewalt und -nähe gelobt, andererseits aber auch angemerkt, für wie beängstigend ich es halte, mich dauernd in seiner Romanfigur wiederzufinden, denn «alles stimmt bis zur Schreibweise des Vornamens meiner und seiner Freundin». Während des Lesens wartete ich ständig auf die grosse Seelenreinigung, auf meine Transformation oder mindestens die der Haupt­figur, nach der Lektüre erkenne ich über die gesamten 178 Seiten hinweg Elemente des mittlerweile fast kanonisierten Genres der «vermeintlichen Coming-of-Age-Geschichten». Die klaren, parataktischen Sätze speisten das Gelesene rasch und ungefiltert ins eigene Denken ein, und so folgte ich der Ego-Chronik ähnlich intim wie der egomanischen Dandy-Entscheidungsfindung in Thomas Klupps «Paradiso» oder Leif Randts «Schimmerndem Dunst über Coby County».

Nach der immer wieder von Alltag und Mailprogramm-Aktualisierungen unterbrochenen Lektüre stimmt nun das mit meiner Freundin nicht mehr. Und zwar nicht, weil sie sich plötzlich anders schreibt, und auch nicht, weil ich eine Pointe für meine Rezension gebraucht habe. Selbst wenn ich mir jetzt noch ein paar Wochen einrede, dass ich deswegen in ein neues Leben eintrete, so stimmt es doch nicht. Das Ende der Schonzeit verschiebt sich immer wieder neu ins Präsens. Und diese Einsicht wird für mich stets an dieses Buch gekettet bleiben.

 


 

Werner Rohner bei «Zürich liest»: Samstag, 25. Oktober 2014, 21.30 Uhr, Buchhandlung Zum Bücherparadies, Zürich