Esfahan

Treibhaus-Gewinnertext

Esfahan

Sie steht vor der zerkratzten Eisentür. Dieses Mal öffnet ihr der bärtige Mann selbst, die Hose an den Knöcheln. In seinen Händen hält er einen Teekessel, in dem sich ein toter Fisch befindet. Hinter ihm im Hof sieht sie den Maulbeerbaum, das Blätterwerk voller reifer Beeren, und, an seinen Stamm gelehnt, den gleichen jungen Mann wie letztes Mal. Der winkt ihr, einen Ausdruck von Dringlichkeit auf dem Gesicht, und sie sieht, dass die Beeren seine Handflächen schwarz verfärbt haben. Sie will an dem Bärtigen vorbei, da wirft er ihr den Kessel zwischen die Beine und ruft: «Du bewegst dich erst, wenn ich es dir erlaube!» Sie gleitet auf dem Fisch aus und erwacht, das Herz in der Kehle.

Mit ausgreifenden Schritten ging sie auf dem Schotterweg, der sich der Hauptstrasse entlangzog, aufs Stadtzentrum zu. Ab und zu verlangsamte ein Automobilist seinen Wagen, wenn sie in sein Blickfeld geriet, und starrte sie unverhohlen an. Sie wusste, sie war von weitem als Europäerin erkennbar, trotz Kopftuch und Mantel. Ihr Gang verriet sie, aber auch ihre Gesichtszüge, ihre Augen im besonderen, die nichts gemein hatten mit den grossen dunklen Augen in den markant und dramatisch gezeichneten Gesichtern der Iranerinnen.

Sie schaute auf die zerfallenden Gebäude am Strassenrand. So verwahrlost hatte sie Esfahan nicht in Erinnerung gehabt. Wie alte Menschen kauerten die Häuser im Geröll, nur ein Rest Anmut war ihnen geblieben. Durch die noch sichtbaren Rundbogen wuchsen Bäumchen, die sich im Grund festkrallten. Überall lag Abfall. Sie ging schneller und war froh, als die Häuserzeilen in die Höhe zu wachsen begannen, die Gehsteige sich belebten und immer öfter dürre Bäume etwas Schatten spendeten.

Eine halbe Stunde später betrat sie den grossen, rechteckigen Platz, um den die Stadt angehäuft war und an dessen östlicher Seite das alte Quartier begann, in dessen Labyrinth irgendwo das Haus stand und davor, im quadratischen Hof, der aus-ladende Maulbeerbaum, der in der Julihitze sein Schwarzviolett auf die Steinplatten kleckerte.

Sie kannte sich nicht mehr aus in dem Quartier, in dem sie vor zehn Jahren zwei Wochen gewohnt hatte. Als sie am Vortag das Haus gesucht hatte, war ihr, als hätten die Lehmhäuser in stummer Absprache Rochaden vollführt, um sie zum Narren zu halten. Da war zwar noch das unscheinbare Schild, das die Gläubigen zu der kleinen Moschee in der Nähe des Hauses wies, weg von der Hauptstrasse ins Gewirr der staubigen Gassen hinein. Sie glaubte auch die Bäckerei im Eckhaus wiederzuerkennen, wo sie damals täglich warmes, mit Sesamkörnern bestreutes Fladenbrot gekauft hatte.

Dann hatte sie zusehends die Orientierung verloren in den menschenleeren Gassen, in der plötzlichen Stille, die sie umgab, als sie tiefer ins Quartier vorstiess, eine Stille, die gelegentlich durch einen Radio-Jingle, das Miauen einer Katze, das elektronische Zwitschern einer Türglocke unterbrochen wurde. Die rosa Blüten der Oleandersträucher, die über die Mauern wucherten, leuchteten in der Hitze, der Lufthauch, der durch das herabhängende Blätterwerk einer Weide strich, brachte keine Kühlung. Sie spähte durch Ritzen in den hohen Mauern, versuchte, die Kronen der Bäume dahinter wiederzuerkennen, und hatte immer mehr den Eindruck, die Privatheit der Menschen, die hier wohnten, zu stören.

Sie hatte die Suche schliesslich abgebrochen.

In der Mitte des Platzes drehte sie sich um die eigene Achse. Wie schon am Vortag jagten sich spielende Kinder zwischen Kutschpferden, die in der Mittagshitze dösten; gelbe Taxis fuhren hupend vor und scheuchten Passanten aus ihrem Weg, Frauen in Tschadors hockten auf Picknickdecken im Rasen. Das weitläufige Rechteck des Platzes ruhte in sich und verzwergte die zarten Umrisse der Berge hinter der Kuppel der Grossen Moschee.

Sie kramte ihre Telefonkarte hervor und trat zu einem der öffentlichen Telefone. Sie tippte den Code ein, dann, als das Freizeichen summte, die Telefonnummer, die ihr die Réceptionistin am ersten Morgen herausgesucht hatte. Nach dem sechsten Klingeln eine Frauenstimme; ihr Herz sank: Es war wieder nicht Zahra persönlich. Ihre Tochter, die damals gerade acht Jahre alt gewesen war und den Vorfall bestimmt längst vergessen hatte? In ihrem gebrochenen Persisch bat sie, Zahra sprechen zu dürfen; sie sei eine Bekannte aus der Schweiz und zu Besuch in Esfahan. Die Frau liess sie nicht aus-reden, unterbrach sie: «Wer sind Sie eigentlich, hören Sie auf, uns zu belästigen!» Das Freizeichen. Mit hängenden Armen stand sie einen Augenblick unbeweglich da. Unter dem Nylonmantel rollte ihr ein Schweisstropfen das Rückgrat hinab.

Ihr Blick fiel auf eine Gruppe junger Frauen, die lachend, Pappbecher mit pistazienbestreutem Eis in den Händen, an ihr vorbeischlenderten. Ihr Haar war am Hinterkopf aufgetürmt, die bunten, durchscheinenden Foulards verhüllten es kaum. Sie folgte ihnen und tauchte in den Dämmer der Arkaden, die das Rechteck umkränzten, ein. Sie beneidete die Frauen um deren Eleganz, die auch drückendster Hitze standhielt. Als sie vor einem Geschäft, das Silberwaren anbot, verweilten, ging sie an ihnen vorbei.

Sie kaufte sich ein Ticket für die Lotfollah-Moschee und stieg die Stufen zum schweren Holztor hoch. Nach zwei Schritten umfing sie das schattige Gewölbe des mit blauen Mosaiken ausgekleideten Korridors und zog sie rasch ins Innere, weg vom Summen der Stadt. Ihr schien, sie verlasse die Welt, der Flur ein Flussbett, das sie tiefer und tiefer in einen Wald führte. Sie folgte der Krümmung des Korridors und erreichte eine hohe Tür, deren Flügel offen standen, der Türsturz über und über mit Kalligraphie bedeckt. Langsam trat sie über die Schwelle in den quadratischen Moscheeraum. In einer Ecke lehnte sie sich an die Wand und legte den Kopf in den Nacken.

Filigrane Mosaike in hellen und dunklen Blau-tönen kleideten die Wände aus; die Kuppel schien zu schweben über einem Geflecht ineinander verschlungener Blütenstengel. Koranverse, weiss auf blauem Grund, säumten die nach oben spitz zulaufenden Bogen. Durch die Fenster, aus mindestens sechs Metern Höhe, rieselten Luftkringel auf den Boden dieses von Schatten und Licht durchflossenen Gefässes. Die Kuppel erinnerte sie an das Blätterdach eines Baumes, dessen Früchte sich vor dem Himmel ihrem Zugriff entzogen. Ihr war, als stünde sie in einer Waldlichtung, umgeben von Baumriesen, das Murmeln eines Bachs im Ohr.

Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft fühlte sie sich versöhnt mit diesem Land, zum ersten Mal nicht beobachtet. Sie lockerte den Knoten ihres Kopftuchs.

Ungeduldige Schritte. Die uniformierte Aufsicht? Sie fühlte sich ertappt, ohne zu wissen, wobei. Hastig rückte sie ihr verrutschtes Kopftuch zurecht. Doch war es eine Gruppe europäischer Touristinnen, die in die Stille des Raums platzten. Schwatzend schwärmten sie aus, vom iranischen Reiseführer weg, und schoben Fotoapparate mit ausklappbaren Displays zwischen sich und die Schönheit, die sie umgab.

Ihr Herz begann zu pochen. Der Mann kam ihr vertraut vor. Kannte sie ihn? Aber das schien unmöglich; sie war seit zehn Jahren nicht mehr im Land gewesen, und dieser Mann war keine fünfundzwanzig. Ihr Blick fiel auf seine Hände. Die Innenseiten wiesen dunkelviolette Flecken auf.

Ihr schwindelte. Sie stiess sich von der Wand ab und ging durch die Mitte des Raums aufs offene Tor zu. Die Reisegruppe hatte sich nun vor der Gebets-nische versammelt. Die Leichtigkeit, die sie eben noch erfüllt hatte, war verflogen; sie zwang sich zu einem tiefen Atemzug.

Wieder hat sie den Duft der auf den heissen Steinplatten geplatzten Beeren in der Nase. Der Bärtige hält einen Teekessel in den Händen und sagt, er brauche heisses Wasser. Sie schreit, doch die Menschen, die in ihren Zimmern unter surrenden Ventilatoren schlafen, hören sie nicht. Er riecht fremd, scharf. Sie löst ihren Blick nicht von der Zimmerdecke – wie rissig sie ist.

Bevor er geht, sagt er, er komme zurück. Sie wäscht ihren Körper unter dem dünnen Duschstrahl, zieht Mantel und Kopftuch über und klingelt bei den Nachbarn, um Zahra anzurufen. Zahra, die sich in Abwesenheit des Besitzers um das Haus kümmert, fährt sie in eine Klinik, und man ist betroffen und ratlos und will die Sache hinter sich bringen. Die Nacht verbringt sie wieder im Haus, und Zahras halbwüchsiger Sohn richtet sich ein Lager im Hof und verspricht, dafür zu sorgen, dass ihr nichts mehr zustossen werde. Schlaflos liegt sie da. Die schlichte Schönheit des Gartens tröstet sie, die hellroten Granatapfelblüten, die wie umgedrehte Hüte das Mondlicht trinken, als bekämen sie nie genug, die bunten Rhomben der Glasscheiben, die im Morgenlicht über die Zimmerwand zu wandern beginnen.

«Geht es Ihnen gut?»

Der Reiseführer kauerte vor ihr, die Stirn in besorgte Falten gelegt, und sie stellte erschrocken fest, dass sie auf dem kalten Steinboden sass, die Beine von sich gestreckt, und dass ihr Hinterkopf gegen die blauen Fliessen gekippt war. Sie blickte in den Raum über seinem Scheitel; durch eine Öffnung am höchsten Punkt der Kuppel fiel Sonnenlicht, und sie vermeinte zu erkennen, wie sich die schillernden Schwanzfedern eines Pfaus im Rund abzeichneten. Rasch senkte sie die Augen und versuchte, die Flecken der Maulbeeren an seinen Fingern und Handflächen zu sehen.

«Kennen Sie das Haus der Familie Parsipur, in der Altstadt?», fragte sie dann. «Ich suche es seit Tagen vergebens.»

«Eine religiöse Stiftung hat das Grundstück aufgekauft. Das Quartier gehört zu den frommsten der Stadt. Sie werden das Haus in den nächsten Monaten abreissen», sagte er.

«Und der Garten? Die Bäume?» Sie hielt den Atem an. Plötzlich hatte sie Angst um den Maulbeerbaum. Er…