Kaspar Schnetzler:
«Das Modell»

 

Es war einmal ein Kind, das wollte in Ruhe spielen. Und alle anderen mussten draussen bleiben. Weil das in der engen Schweiz eines Tages nicht mehr möglich schien, floh das Kind an seinem siebzigsten Geburtstag in den US-Bundesstaat Maine. Maine ist in letzter Zeit sehr in Mode gekommen als Ziel für literarische Einsiedler und Waldschrate, man fragt sich aber doch: Wie konnte Montana eigentlich so deutlich an Boden verlieren? Nun, stellen wir diese Frage zurück und verweilen in Gross Münsterburg, der Heimatstadt unseres Kindes. Und dem fiktiven – dabei stark an Zürich erinnernden – Handlungsort von Kaspar Schnetzlers neuem Roman. Es heisst übrigens Jonathan Flint, unser Kind, war oft ungezogen, stets leicht antriebsschwach und bewahrte sich bis ins hohe Alter seine altkluge Art zu reden. Letzteres wirkt auf andere Münsterburger – «Du kannst kalauern, Flint» – sehr geistreich, für den Leser aber zunehmend ermüdend, droht der ohnehin gemächlich erzählten Story irgendwann auch noch den letzten Schwung zu nehmen. Andererseits: die fehlende Verve passt zu diesem Flint. Er hat schliesslich nicht den Literaturnobelpreis gewonnen, wie seine Eltern es planten. Er hat auch nicht Karriere als Werbetexter gemacht, wie seine Frau Marianne es wünschte. Und schliesslich hat er auch nicht den Preis angenommen, den ihm die Bürger der Metropole Gross Münsterburg zukommen lassen wollten. Nein, der kleine Flint wollte lieber alleine basteln an einem ahornblattförmigen, massstabsgetreuen und liebevoll gepflegten Modell seiner Heimatstadt, in der Dachkammer des elterlichen Hauses – hinter schwarz abgeklebten Fenstern. So gehen die Jahre ins Land, bis «Natty» Flint den Lederstrumpf in sich entdeckt und sich heimlich aus dem Staube macht.

Kaspar Schnetzler erzählt in «Das Modell» aber nicht nur eine zartgliedrige Biographie, sondern obendrein eine gegen den Strich gebürstete «Sterntaler» Geschichte: Selbstversunken geht Flint durchs Leben, macht keinen Finger krumm für andere, während bei jedem kleineren Schicksalsschlag ein Regen aus Glück, Gold und genialen Ideen auf ihn herabrieselt. Flints eigentliches Wirken: nebensächlich. Nicht der Rede wert. Selbst die grösste Tat des Werbetexters Flint wird eigentlich nur am Rande gefeiert: Gross Münsterburg steigt zwar in diversen Städte-Rankings auf zur beliebtesten Metropole der Welt, aber welche architektonischen Eingriffe dazu führten und wie die schlagkräftige Marketingstrategie ansetzte… – kein Wort darüber, nur der Hinweis, dass womöglich gar nicht Flint selbst all die Pläne austüftelte. Natürlich regnet es dennoch Gold. Und Flint geht wieder basteln. So bleibt dieser ironische Blick auf die allzeit aufstrebende Stadt Zürich nur eine Nebenlinie im alltagsgrauen Handlungsstrang. Es wäre an den Nebenfiguren, etwas mehr Farbe ins Leben des Eigenbrötlers zu bringen. Doch leider, und obwohl es sich für ein anständiges Märchen gehört, besteht auch dieses Arsenal aus durchweg eindimensionalen Typen: Zicken sind zickig, freundliche Väter freundlich, väterliche Freunde väterlich, matronenhafte Gönnerinnen gönnen, lesbische Bürgermeisterinnen verlieben sich in Frauen – und was auch immer geschieht, Sterntaler profitiert, kassiert und kümmert sich nicht weiter um die Welt da draussen. Schliesslich hat er ja auch ein viel feiner gestaltetes Modell von ihr da drinnen. In der Dachkammer. Und da sich diese zunehmend als nicht abgeschottet genug…