Raul Fuertes: «Zierfischfutterflocken»

Raul Fuertes:
«Zierfischfutterflocken»

 

Miguel Indurain, Radsportlegende, hält mit 28 Herzschlägen pro Minute den Rekord für den niedrigsten Ruhepuls, der je bei einem Menschen gemessen wurde. Indurain, lahmflossiger Goldfisch, schwimmt mit Puls 36–40 durch das Aquarium von Ex-Detektiv Walter, Ich-Erzähler in Raul Fuertes’ Groschenroman «Zierfischfutterflocken». Als «Krimi ohne Verbrechen» charakterisiert der Autor von «Todesursache: Tod» und «Der Mörder mit der Augenbinde, der nichts sah» sein neues Werk im Untertitel – und erweist sich als Meister der disparaten Arrangements.

Walter Wolfenschanzel, Detektiv im Vorruhestand, soll den eigenen Bruder, mit dem er seit 22 Jahren zerstritten ist, beschatten und Indizien für eine Affäre sammeln. Er willigt ein, aus Neugierde: «Ich wollte sehen, ob Oskar in seinen alten Tagen noch jemanden vögelte, und falls ja, wen.» Erst gegen Ende der Geschichte erfahren wir die Hintergründe der familiären Entfremdung – in der Zwischenzeit dafür allerhand über die Goldfischzucht: was die Männchen, die nach Ikonen des Radsports benannt sind, und die namenlosen Weibchen zur Paarung anregt, sind Videoaufnahmen der Tour de France. Gekonnt verfugt Walter, wenn er nicht gerade Hannelore von der Krankenhausrezeption bezirzt, um an Akten zu gelangen, philosophische Spekulationen über Zierfischtrikots und Radsportlerohren mit amouröser Nostalgie. Rivalitäten und ungelöste Rätsel bilden das Grundsetting der Story; wenn Fuertes sein Personal aus Familienangehörigen, Fischen und Radfahrern darin situativ zusammenstossen lässt, entsteht freiwillige Komik: «Ich schrie so, wie ich mir das Geschrei eines eifersüchtigen Pavians vorstellte. Ich traf den Ton ganz gut, fand ich. Dann fragte ich Hannelore, ob sie Indurain kannte.»

Miguel Indurain gewann von 1991 bis 1995 fünfmal in Folge die Tour de France. Als im Jahr darauf, ihm zu Ehren, die letzte Bergetappe durch seinen Geburtsort geführt wurde, verlor er acht Minuten. Was Walters Bruder damit zu tun hat? Die Recherchen des Ex-Detektivs, so viel sei verraten, enden, wo sie beginnen: im Goldfischglas.

Raul Fuertes: Zierfischfutterflocken. Aus der Reihe «Narr-Groschen». Olten: Das Narr, 2017.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
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Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
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