Lukas Bärfuss: «Stil und Moral. Essays»

Lukas Bärfuss:
«Stil und Moral. Essays»

 

Der Titel «Stil und Moral» stellt einiges in Aussicht, auch der Untertitel «Essays». Aber hält das neueste Buch von Lukas Bärfuss auch, was es verspricht? Sind es Essays, also Versuche, diese Zeit, die der Autor zu Recht als globales «Flüchtlingslager» rubriziert, auf den Begriff zu bringen? Gewiss ist da der Gestus des engagierten Schriftstellers markiert – leider bleibt es aber bei diesem leeren, weil nicht ausgeführten Versprechen. Denn: Essays? Nicht wirklich, wohl eher gute bis sehr gute Aufsätze über andere Autoren wie Kleist, Frisch, Büchner, Walser und Shakespeare, aber keinerlei essayistische Versuche, denn dazu fehlt das Mass blitzhaft neuer Erkenntnisse, die Arbeit an den in den Raum gestellten Grossbegriffen wie Raum, Zeit, Freiheit und schliesslich, so der Titel, Stil und Moral. Man erwartet mehr, unzeitgemässere Betrachtungen als diese.

Zwar wissen sie ironisch genug, wie schwierig es ist, diese Begriffe in unserer Zeit noch in den Mund zu nehmen. Sie belassen es aber auch leider dabei. Denn so der Autor selbst: «Es wäre hier um die Frage gegangen, wie der Stil mit der Moral zusammenhängt, und ich hatte bereits eine These, noch nicht sehr tragfähig, aber ausbaubar; ich hatte recherchiert, hatte mich umgehört, und es war alles vorbereitet, um Ihnen etwas zu bieten, das man allgemein als geistreich bezeichnet. Aber dann tat ich etwas, das man in einer solchen Phase besser nicht tun sollte. Ich ging nämlich Ski laufen.» Gewiss, das ist mit Walser’schem Witz reichlich gebrochen alles sehr lustig (und auch kaum Anlass zu Kritik). Aber: Aufklärung ist mehr. Und sie produziert keine seltsamen Blüten wie folgende: Nur weil beim kettenbefreienden, doch schwierigen Wort «Freiheit» sich «keine entsprechende Empfindung» beim Autor einstellt – weshalb eigentlich nicht, man denke da nur an die Klassiker der Philosophie? –, muss er nicht verleitet sein, diese durch ein lifestylemässiges «Konzept der Wahrhaftigkeit» zu ergänzen. Ob «die Menschen weniger nach Freiheit als nach Wahrhaftigkeit sich sehnen», sei mal so dahingestellt. Auch, ob sie sich um «den Anteil der Übereinstimmung zwischen der gedanklichen Begrifflichkeit und dem, was ich zu sagen in der Lage bin, sorgen». Aber von da den Schluss zu ziehen, «je grösser diese Übereinstimmung ist, desto freier wird sich der Mensch fühlen, egal von welchen Zwängen er tatsächlich beherrscht wird», ist in Zeiten von Big Data und permanentem medialem Brainwashing nicht nur seltsam. Da begeben sich die Gedanken gefährlich hinter die Einsichten eines George Orwell oder Aldous Huxley. Aber sie verschiessen auch das alle Literatur bewegende Dynamit einer nicht nur subjektiv zu verstehenden Freiheit. Die Aussage «In der Dichtung spielt […] die Freiheit eine nebensächliche Rolle» ist verwunderlich, ja befremdend. Und nur weil die Freiheit als Positivum nicht zu haben ist, sondern nur ex negativo als Leid, Hunger, Unterdrückung normativ spricht, wird man das Kind nicht mit dem Bad ausschütten wollen. Die Feststellung, dass wir hier im Westen «im Grunde alle in einer etwas ruhigen Ecke eines Flüchtlingslagers leben, die Entfernung macht das Elend bloss perspektivisch kleiner», könnte sich das Buch auch mit Blick auf die Freiheit zu Herzen nehmen.…

«Das Magazin, das in der
Schweiz gefehlt hat!»
Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»