Tilman Strasser: «Hasenmeister»

Tilman Strasser:
«Hasenmeister»

 

Felix Hasenmeister versteckt sich. Und zwar ein ganzes Buch lang. In einer kalten, schalldichten Übungszelle, nachdem er während seiner Abschlussprüfung als Violinist die Flucht angetreten hat. Nun denkt er nach: über seine Geigenlehrer, über seinen Vater, die Musik, die Kunst, die Medizin – seine Beziehung zur verheirateten Carla. Letztere scheint eher durch Bewunderung als durch Geborgenheit oder Vertrauen motiviert: Hasenmeister bewundert ihre Macken, ist überrascht ob ihrer Reaktionen. So ist denn gegenseitiges Unverständnis die eigentliche Anziehungskraft in dieser Beziehung, die irgendwie charakteristisch scheint für eine postmoderne Gesellschaft, in der niemand den anderen wirklich versteht. Carla kontrastiert Hasenmeisters Passivität: Sie ist der aktive und lebendige Gegenpart, schickt Felix SMS um SMS: «20:31, Carla: felix wo bist du? gruss c.» Bis 7:14 Uhr sucht sie ihn, rennt vom Konzertsaal ins Spital, in seine Wohnung – bis sie ihn schliesslich im Konservatorium findet. Es sind Carlas Nachrichten, die dem Roman Kontext, also klassisches Geschehen in Zeiten und an Orten, geben.

Denn Hasenmeister hat sich selbst aus jedem Kontext genommen, seine Gegenwart bestimmt einzig die Vergangenheit: seine vier Geigenlehrer sind die Fixpunkte darin, treten allerdings als blosse Karikaturen auf, grotesk und absurd überzeichnet, eine Clownparade. Dasselbe gilt für die Mitglieder des Ärzteorchesters, in dem sich Hasenmeisters Eltern kennengelernt haben: Da gibt es den «Anästhesisten und Pauker», den «unglücklichen Bratscher und Protokologen», den «spanischstämmigen Klarinettisten und erfolgreichen Forscher auf dem Gebiet der Ultraschalldiagnostik». Die skurrile Vermischung von musikalischem und medizinischem Vokabular lässt einen unweigerlich an Gottfried Benns Gedicht «Nachtcafé» denken. Genauso die Reduktion von vielen Figuren auf Körperteile: «Der Pferdeschwanz wedelte zielstrebig ans Buffet.» Der Sprache Strassers haftet etwas Barockhaftes an: üppige, adjektivreiche Aufzählungen (unweigerlich kommen einem die von Hasenmeister mühselig geübten Etüden in den Sinn), eine fast aufdringliche Körperlichkeit, opulent und verspielt.

Immer wieder kreisen Hasenmeisters Gedanken auch um seinen Vater. Die Vater-Sohn-Beziehung ist eine stereotypisch schwierige: Der Sohn muss des Vaters gescheiterten Traum leben. Am dunkeln Eichentisch fragt letzterer die weiblichen Eroberungen des ersteren stets: «Hast du schon erfahren, dass wegen ihm der Auftritt meines Lebens den Bach runterging?» Ja, Hasenmeisters Geburt unterbrach Vaters grossen Auftritt. Analog dazu bricht Vater kurz vor Hasenmeisters Abschlussprüfung zusammen. Parallelitäten wie diese durchziehen Strassers Roman, offenbaren eine gewisse Überkonstruktion. An manchen Stellen im Roman möchte man dem Autor, der Kreatives Schreiben in Hildesheim studierte, vorwerfen, dass er Etüden exerziert und Tonleitern einfach rauf- und runterleiert, gängige Motive mit gesuchten Variationen. Aber dann bricht er doch immer wieder mit einer angefangenen Melodie, wechselt das Tempo, die Klangfarbe oder sogar das Genre. So sprengen Hasenmeisters Erzählungen die schalldichten Wände seiner Übungszelle. Würde er so Violine spielen, wie er erzählt und phantasiert, entstünde dabei wahrscheinlich ohrenbetäubende Katzenmusik. In diesem Fall: absolut lesenswerte Katzenmusik.

Tilman Strasser: Hasenmeister. Zürich: Salis, 2015.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
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Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
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