Adolf Muschg: «Die japanische Tasche»

Adolf Muschg:
«Die japanische Tasche»

 

Schneider steht auf einem biographischen Abstellgleis: Auch im fortgeschrittenen Alter hat der Historiker es bloss zu einer niedrig dotierten Privatdozentur gebracht, seine Forschung stockt und über die Runden kommt er nur, weil er sich psychisch labilen Frauen andient und bei ihnen unterkommt. Adolf Muschg hat also für seinen neuen Roman «Die japanische Tasche» einen wenig gewinnenden Sonderling zur Hauptfigur gemacht – und schickt diesen nun auf eine mit irrwitzigen Begebenheiten gespickte Reise.

So kann Schneider schon in der Eingangspassage nicht Zug fahren, ohne dabei auf eine geheimnisvolle Schöne zu stossen, die (wie alle Schönheiten) gehobene Literatur liest, nämlich den «Moby Dick». Schneider regt mit einer treffsicheren Frage ein Gespräch an («Sie lesen Melville, Moby Dick?»), worauf sie einsteigt: «Mögen Sie ihn?» Er muss sie aber enttäuschen: «Walfang, das ist mir zu gross. Ich mag Bartleby, den kleinen Buchhalter. I would prefer not to. Unscheinbar, unbeugsam.»

Nun ist «Bartleby» von den kleinen Erzählungen Melvilles die bekannteste – also macht es sich Schneider (oder sein Autor) etwas leicht. Vor allem aber ist es falsch, «Bartleby» gegen «Moby Dick» auszuspielen, weil einem Walfang zu gross sei. Denn Walfang ist den Figuren im «Moby Dick» auch zu gross, sonst gäbe es nicht so viel Ärger mit Dick. Schneider nervt also mit seinem flachen Eigendünkel, und man fragt sich schon am Anfang, ob nicht das ganze Buch mit ihm mitnervt.

Doch ist Muschgs Roman, während man ins Lamentieren kommt, selber längst woanders: auf einer anderen Zeitebene, in einer anderen Geschichte, einer erotischen Eskapade oder einem historischen Exkurs. Und gerade solche Einschübe, gerne auch aus der Perspektive anderer Figuren erzählt, nimmt Muschg zum Anlass immer wieder überbordenden und darin auch lustvollen Fabulierens in schnörkelloser Prosa. Leider muss er dies immer wieder auf den Dunstkreis seines besserwisserischen Helden herunterbrechen. Zugleich wird Schneider, als Gegenbewegung zu seiner Selbstherrlichkeit, immer wieder demonstrativ ins Unrecht gesetzt, schlägt etwa seine schwangere Frau krankenhausreif. Zum Glück gibt es noch die Schöne aus dem Zug: Als er diese zufällig wiedertrifft, wird sie gerade überfallen, so dass er sie retten kann (sehr gut). Wurde ihm aber nicht zwischenzeitlich zugetragen, sie sei eine Prostituierte? So fragt sich Schneider nach seiner Heldentat: «Sie ist eine Hure. Warum schützt du sie?» – Vielleicht, weil auch Nutten nicht verprügelt werden sollten?

So wird der Roman nicht müde, die Neurosen seiner Hauptfigur breitzuwalzen, doch müde wird der Leser – zumal auch die anderen Figuren, deren Perspektiven der Roman vorübergehend einnimmt, fürchterlich ähnlich denken und reden wie Schneider. Klar ist dabei, dass die Figurensicht der Intention des Texts nicht entsprechen muss, Schneider vielleicht mühsam wirken soll. Ausserdem ist zu vermuten, dass hinter der ganzen umfangreichen Konstruktion eine Strategie steckt – doch geht diese nicht recht auf. Ob Muschg seinen Helden deshalb im letzten Viertel seines Romans einfach verschwinden lässt? Stattdessen unternimmt nun eine Figur aus einem früheren Roman, Emil Gygax aus «Sutters Glück», dort vermeintlich gestorben, eine mystische Reise durch einen Regenwald. Das steht zum Bisherigen zwar in keinerlei erkennbarem Zusammenhang, doch bildet die Beschreibung der…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»