Manifeste incertain 3

Was bleibt uns Schwätzern von heute an Realität in unseren abgehackten, ständig unterbrochenen Gesprächen?

Manifeste incertain 3
Fréderic Pajak, fotografiert von Sébastien Agnetti (BAK).

Als Kind lachte ich nicht gerne. Das heisst: ich mochte nicht ins kollektive Gelächter einstimmen. Das Lachen einer Tischrunde oder Menschenmenge war mir unangenehm. Überhaupt missfiel mir alles, was von der Menge kam oder auf sie ausgerichtet war. Meine Lippen pressten sich aufeinander und zogen sich mühsam in die Länge: ich lächelte.

Edgar Poe, in seinem Gedicht «Das Geisterschloss»:

und durch das fahle Tor stürzt schwellend

ein Spukhauf her,

auf & davon – sie lachen gellend –

doch lächeln nimmermehr.1

Ich lächelte ein verlegenes Lächeln. Alles machte mich verlegen: eine liebevolle oder vertrauliche Geste, ein Vorwurf, ein Kompliment. Woher kam diese ständige Verlegenheit? Es musste sich etwas in meiner frühen Kindheit ereignet haben: die erstickende Umarmung meiner Grossmutter, die Zärtlichkeiten einer Tante. Bestimmt hatte ich gelächelt, um mich daraus zu lösen.

In Wahrheit litt ich unter dem Zwang, zu lächeln, denn ich lächelte, um nicht antworten zu müssen, um den Dialog abzubrechen.

Frédéric Pajak im Selbstportrait.

Auf Französisch sagt man: «la langue lui a fourché», seine Zunge gabelte sich, er hat sich versprochen. Tatsächlich passiert es, dass mir ein Wort herausrutscht und über meine Gedanken hinausschiesst, oder etwas anderes sagt, als ich denke. Dieses Wort mag ungeschickt sein, unfreundlich, ordinär, feindlich, brutal. Es verwirrt mich. Es stört meinen Gesprächspartner, es schockiert ihn. Ich bedaure es. Ich schäme mich. Aber wofür? Dieses Wort hatte ich wirklich nicht im Sinn. Ich habe nichts damit zu tun. Das Wort, das herausrutscht, ist nicht unbedingt ein Lapsus. Ich sehe darin keine Beziehung zu meinem Unbewussten. Es ist ein Wort zu viel. Das fehlte gerade noch: Wörter, die zu viel sind.

Für Paul Nizon sind seine Bücher Vermächtnisse, die er wie eine Zündschnur hinter sich lässt. Sie erlauben ihm, «ans Licht zu kriechen».

In «Am Schreiben gehen» definiert er sich als ein «Sager», das heisst als «einer, der sich gedrängt fühlt, alles sich vorzusagen, was er erblickt, erlebt, erfährt, erfühlt» um die Dinge, die Leute, oder gar das eigene Leben nicht dem Nichts zu überlassen. Das Schreiben rettet sie aus dem Nichtvorhandensein, der Unwirklichkeit, mehr noch: «Nur die sprachgewordene ist an sich gebrachte Wirklichkeit». So existiert die Realität also nicht für sich, sie braucht Wörter, geschriebene Wörter, um eine Daseinsberechtigung zu haben.

Wie aber steht es um gesprochene Worte? Gelingt es ihnen, auch nur den Schatten einer Realität zu bilden, oder sind sie auf immer flüchtig und vergänglich? In den oralen Gesellschaften sind sie es, welche die Realität liefern. Die gewechselten Worte gehören nicht nur dem Hier und Jetzt an, sondern garantieren, mittels der Subtilität der Legenden, der Märchen, der Epen und Sprichwörter den Fortbestand der Vergangenheit.

Und was bleibt uns Schwätzern von heute an Realität in unseren abgehackten, ständig unterbrochenen Gesprächen? Das gegebene Wort bürgt für gar nichts mehr. Die ausgesprochenen Wörter verlieren sich im allgemeinen Geplapper. Man müsste die Wörter immer wieder sagen, im Mund drehen und wenden, bis sie Sprachqualität erlangen.…

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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