Marcel, Ferdinand und zwei Giovannis in den Bergen

Lucius Keller: Proust im Engadin. Hamburg: Hoffmann & Campe, 2011.

Das vorliegende Büchlein von Lucius Keller lädt mit überschaubaren, teils illustrierten 119 Seiten zum Lesen und
Sehen ein. Thema und Archimedischer Punkt für eine (Neu-)Betrachtung nicht nur der «Recherche», sondern auch der literaturtheoretischen Schriften Marcel Prousts ist ein kryptischer Eintrag in das Gästebuch einer Berghütte am Berninapass im Jahr 1893: «Marcel Proust – A.G. – Dem Vogel, der heut sang.»

Zunächst werden jedoch die biographischen Zeugnisse für Prousts Aufenthalt auf dem Hintergrund der damaligen touristischen und gesellschaftlichen Bedeutung des Engadins versammelt. Für Leser, die nicht im Kosmos Prousts zu Hause sind, bedeutet der Anfang des Bändleins eine kleine Geduldsprobe, da sehr viele Namen und Zusammenhänge der 1880er Jahre erst mit der Zeit in ihrem Sinn erkannt und gleichsam wie ein Pfad bergauf mit Anstrengung abgelaufen werden müssen. Das Wort «Krankejungfernspaziergänge», wie der 21jährige Marcel seine Gänge in den Bergen selbst nannte, scheint treffend. Doch der Leseumweg ist keine «vertane Zeit».

Zitierte Prosastücke und Informationen über Prousts Hauptthemen in diesem Jahr – Klänge und Farben, Landschaftsbilder und die Versuche, «malerische Gattungen in das Medium der Sprache zu übersetzen», bringen den geduldigen Leser auf den gleichen Gipfel des Verstehens, auf dem enthusiasmierte Proustjünger ohnehin schon immer leben. Dabei erkennen wir nicht nur die biographische Bedeutung der Buchstabenkürzel und des Wagner-Zitates im Gästebuch. Prousts grosse Themen: die Veränderung von Gefühlen, der Wechsel zwischen fetischartiger Verehrung und Gleichgültigkeit, Persönlichkeitsänderung durch Nervosität ohne Relevanz für Moral und manches mehr scheinen hier schon auf. Dank des Bildteiles wird deutlich, wie der neben Joyce grösste Autor der Jahrhundertwende um 1900 in seinen Engadiner Landschaftsbeschreibungen eine Sehweise zum Ausdruck brachte, wie sie von Malern der anbrechenden Schweizer Moderne (Giovanni Segantini, Giovanni Giacometti und Ferdinand Hodler werden genannt und abgebildet) später in Farbe und Stil auf Leinwand festgehalten wurden. Ein kluges Büchlein also, das Lust auf mehr Proust macht.