Mare Nostrum

Christoph Keller: Übers Meer. Zürich: Rotpunkt, 2013.

Mare Nostrum

Weg mit den Alpen, «freie Sicht aufs Mittelmeer!» Nicht, dass ich ihn vermisst hätte in den letzten dreissig Jahren, aber es ist trotzdem nett, diesem Spruch einmal wieder zu begegnen. Christoph Keller hat ihn exhumiert für seinen zweiten Roman «Übers Meer» und beginnt zeitgerecht im Jahr 1980, in der halb verfallenen Villa Hackedorn. Zehn junge Leute besetzen das leerstehende Gebäude, unter ihnen Astér, die ewig linke Träumerin, und Claude, der sich zügig vom verklemmten Revoluzzer – als einziger bei den Nacktdemos in Unterhose – zum stocknüchternen Homo faber entwickelt. Im Hier und Jetzt hat sich der Horizont geweitet, die Alpen sind noch am selben Ort, aber ohne Bedeutung. Auf Djerba sucht Astér, nun bei der UNO in New York tätig, ihren Claude, den alten Claude oder den neuen, der seinerseits mit einer Einhandyacht die unbegrenzt erneuerbare Energie der Zukunft sucht und hofft, die Tiefenströmungen des Mittelmeers anzapfen zu können. 

Abdoulaye Touré sucht derweil seinen eigenen Happen vom Reichtum Europas und macht sich auf die Reise von Mali nach Europa. Ziel ist das «Réseau», der vernetzte Untergrund Zehntausender illegaler Afrikaner, die ein paar Cents vom europäischen Reichtum abzweigen für ihre afrikanischen Familien. Tahar El-Oued schliesslich sucht eine Zukunft im Maghreb, aber ihm bleibt nur ein Leben am Rand, weil der einstige Hoffnungsträger mit BWL-Studium in Barcelona nicht mit der aufkommenden Jihad-Stimmung in Tunesien mithalten will und kann. Er ist nicht glaubensfest genug, kein junger Kämpfer und Krieger. Ihre Wege werden sich kreuzen, ihr Schicksal ist eng verknüpft mit dem Traumziel der Sprücheklopfer aus den frühen Achtzigern: Die wahre Hauptfigur in diesem nüchternen, aber dennoch anrührenden Gegenwartspanorama ist das Mittelmeer. 

SRF-2-Redaktor Keller erzählt von der über Jahrtausende geschätzten Drehscheibe des Handels, vom Treffpunkt der Kulturen aus Afrika, Arabien und Europa und vom Kriegsgebiet der Terroristen, Flüchtlinge, Grenzschützer und Geheimdienste. Zukunftsträume und -ängste trieben die Menschen schon immer aufs Meer, doch die Distanzen haben sich im 21. Jahrhundert drastisch verkürzt. Fortschritt, Flucht und Fanatismus heissen heute die Strömungen und schon die Begriffe klingen weit bedrohlicher als Skylla und Charybdis. «Übers Meer» verfolgt die verschiedenen Arten des Mittelmeer-Sogs – materiell, ideell und spirituell – und wohin Menschen ausgespuckt werden, die er mitriss.

Natürlich mündet so eine Geschichte in einen Krimi, in diesem Fall in einen sehr guten Krimi mit glaubwürdiger Spannungskurve, mit fiesen Verhören, furchtbaren Fehlern und verzweifelten Fluchten. Deshalb wird hier auch nicht mehr verraten, wie alles endet, nur eins noch: «Übers Meer» ist gut gegen Kleingeister und Kopfeinzieher, denen die Alpen nicht hoch genug sein können. Kellers Roman zeigt die Menschen in den Stürmen und ist somit ein Buch für Mutige und solche, die sich den Mut anlesen wollen, eine freie Sicht aufs Mittelmeer zu fordern.