«Ich ist ein anderer.» Du auch.

Botho Strauss: Sie / Er. Erzählungen. Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Thomas Hürlimann. München: Hanser, 2012.

«Ich ist ein anderer.» Du auch.

Angenommen, man hätte noch nie ein Buch von Botho Strauss gelesen, der nun vorliegende Erzählband wäre der beste Einstieg. Und ein glänzender Nachweis für seinen Rang als einen der ganz Grossen dieser Zeit. Zwar: Sie / Er ist nicht nur eine Geschichtensammlung, sondern auch ein riskanter Versuch. Sind die zumeist wenig Seiten umfassenden Texte doch so etwas wie herausgebrochene Mosaiksteinchen – erzählende Passagen aus Strauss’ zuletzt erschienenen Büchern. Thomas Hürlimann hat sie ausgewählt, neu geordnet und zusammen mit dem Autor mit Titeln versehen. Erst unsicher über das Statthafte des Tuns, räumt Hürlimann im Nachwort seine Zweifel beiseite: «Ein grosser Autor zeigt sich auf jeder Seite, und jede Seite, ob sie das Thema durchführt oder nur variiert, lässt die Melodie der Symphonie erkennen, jeder Splitter verweist auf das Ganze.»

Botho Strauss’ Thema und Variationen sind Paargeschichten, sind das Erforschen von Liebesweh, von Verkennung, Verfehlung, Verrat. Seine «Symphonien» – oder besser: Lamenti – tragen alle im Keim das bodenlose Nichtwissen: Das Nichtbeantworten-können der Fragen «Wer bin ich?», «Wer bist du?». Als Antwort erhebt sich höchstens Arthur Rimbauds berühmte Formel am vernebelten Horizont: «Ich ist ein anderer.» Und variierend gesellt sich die Einsicht dazu: Du auch.

Da bringen in der Geschichte «Mikado» Beamte eine Frau, die entführt worden war, zurück. Der Fa-brikant hatte ein hohes Lösegeld bezahlt, aber als er sie sieht, stutzt er und sagt: «Es ist Ihnen ein Fehler unterlaufen. Dies ist nicht meine Frau.» Er (er)kennt sie nicht wieder. Sie ist eine Fremde, nicht die, die er erinnert. «Wie wenn man im Dunkeln eines fremden Hauses nach dem Lichtschalter tastet», sucht er im Gesicht der Frau und in ihren Handlungen nach dem Gewohnten. Ganz ähnlich der Frau in der Erzählung «Verkennung», die nach einem Streit allein durch die Felder läuft, sich auf einmal umdreht und weit hinter sich eine männliche Gestalt sieht. Sogleich hält sie sie für ihren Mann, vor dem sie weggelaufen ist. Sie kehrt um, läuft auf ihn zu, ruft ihn – und ist nicht sicher. Ist es ihr Mann? Als die beiden voreinander stehen, verharrt die Geschichte in der Momentaufnahme.

Auf zwei Seiten breitet Botho Strauss dergestalt einen ganzen Kosmos aus. Ein Paar, ein Streit, eine Trennung, ein Fremdsein, ein Aus-der-Zeit-Fallen, ein Sich-wieder-Finden, ein Sich-wieder-Trennen. Auf zwei Seiten zeigt sich das Ganze – und in literarischer Meisterschaft, möchte man anfügen.

Noch immer ist wahr – muss wahr sein, was Botho Strauss in seinem Gedankenband «Der Untenstehende auf Zehenspitzen» schreibt: «Der Künstler ist nicht allein der Rezipient, sondern auch der Rivale seiner Zeit.» Und noch immer werden nicht zeitgemässe Autoren – oder sollte man sie dichterische Eigensinnige nennen? – mit herrischen, vermeintlich herabsetzenden Attributen versehen, damit wieder Ordnung sei im Betrieb. Dass Botho Strauss’ unermüdliche Kritik an der rastlosen Erweiterung aller Technik und seine Prophezeiungen eines «nachtechnischen Zeitalters» viele Gegner auf den Plan gerufen haben – Mainstreamgrössen, die ihn längst ins «konservative» oder auch «rechtsintellektuelle» Eck gestellt und dort vergessen haben, schmälert seine Meisterschaft nicht.

Was bleibt? Die neuen Grundmuster zwischen Sie und Er sind die alten. Die Handvoll Gefühle verqueren sich seit je auf gleiche Weise. Das Terrain der Liebe bleibt unbeschirmt. Botho Strauss, Zeit-Rezipient und Rivale, ist dabei glaubwürdigster Kronzeuge. Und Thomas Hürlimanns umsichtige Auswahl der «Fragmente» bescheinigt das aufs schönste.