Matthias Nawrat:
«Unternehmer»

 

Die Rheinebene ist nuklear verseucht – es bleibt unklar, ob durch den Absturz einer russischen Sojus-16-Rakete oder durch einen Störfall im französischen AKW Fessenheim, aber schon in Nawrats Erstling «Wir zwei allein» wurde die Katastrophe kurz vor Schluss angetönt. Auf den Schwarzwald-Höhen geht das Leben derweil in geordneten Bahnen weiter: Krankenhäuser, Supermärkte, Schulen und Banken funktionieren, «bloss» die staatliche Obrigkeit ist zusammengebrochen, alle sozialen Netze sind zerrissen. Ein Traum für «wahre» Unternehmer mit Mut und Tatendrang! Denn wer weder Tod noch Teufel, weder Cäsium noch Polonium fürchtet, kann im Tal auf eigene Faust reich werden. In einem grandios eingespielten, wilden Medley aus Blue Grass und Dorf-Punk auf der einen, Dystopie und Räuberpistole auf der anderen Seite entwickelt sich die spannende, brutale, tieftraurige, herzenswarme, kalt lächelnde, lakonisch und bildreich erzählte Geschichte Linas, die am Ende des Buches ihren 14. Geburtstag feiern darf. Seit Jahren war sie nicht mehr in der Schule, weil sie als Assistentin ihres Vaters im hart umkämpften Schrottgewerbe tätig ist, in der verstrahlten Ebene Alteisen und seltene Metalle aus den Ruinen klaubt. Wie in Seethalers «Die Biene und der Kurt», Herrndorfs «Tschick» und Cantienis «Grünschnabel» tut Kindermund kund, was kein Erwachsener jemals so sagen würde: Nawrat lässt seine Lina in herrlich verdrehten Sätzen ihre neunmalklugen Unternehmereinsichten ausplappern, hält aber den roten Faden immer straff gespannt, es gibt nur das Hier und Jetzt, das Unsterblichkeitsgefühl, den absoluten Selbstbezug der gut erzogenen, aber bildungsfernen und erstmals über beide Ohren verliebten Göre.

Welcome to the Jungle – GunsʼnʼRoses haben es gesungen, Matthias Nawrat hat es nun geschrieben: In seinem Roman «Unternehmer» rockt er den südlichen Schwarzwald und zerlegt die Phantasien vom vermeintlich reinigenden, weil bodenständigen, verschwitzten Unternehmertum nach Wild-West-Manier. Unter dem Titel «Mutter Courage und ihre Kinder» war ein ähnlicher Song vor Jahren in den Charts, aber Nawrats Schwarzwaldmädel hat eine aktuellere, giftigere Melodie: Denn wird der Kapitalismus auf den Prüfstand gestellt – und das wurde er in der vergangenen Krise oft und gerne –, lautet eine wohlfeile Forderung zur künftigen Krisenprävention, dass Firmeninhaber, auch die grosser Banken, mit Leib und Leben für ihr Geschäft einstehen, sprich: haften sollten. «Skin in the game» nannte es Nassim Nicholas Taleb im «Schweizer Monat» und erinnert so an das gleichbedeutende, fast in Vergessenheit geratene «die Haut zu Markte tragen». Das klingt nicht nach Vorstandsetage, Laptop auf, Laptop zu und Evian-Wässerchen für alle am Konferenztisch. Das klingt nach schmaler Lippe, schmutzigen Fingernägeln und Hornhaut an den Ellbogen! Und genau dieser harte, treibende Blues einer brutalen Lebenswirklichkeit in der postapokalyptischen Kleinunternehmergesellschaft – «skin in the game» – wird in Nawrats Roman hautnah fühlbar. Etwa wenn Linas kleiner Bruder seine Gliedmassen bei der Arbeit einbüsst oder der Vater von einem Hirntumor niedergestreckt wird. Was Lina noch nicht weiss, aber niederschmetternd erleben muss: Für jede Art der glorifizierten Gier gibt es ein passendes Krankheitsbild – Verstümmelung, Erschöpfung, Krebs. Sie erleidet und erduldet alles, und Nawrat singt ihren Song. Welcome to the Jungle!

Matthias Nawrat: Unternehmer. Reinbek: Rowohlt, 2014.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»