Vergessene Seele

Francesco Micieli: Schwazzenbach. Schlaflos in Lützelflüh. Oberhofen am Thunersee: Zytglogge, 2012.

Vergessene Seele
Wer Ueli der Knecht und Ueli der Pächter nicht gelesen hat, kennt Die schwarze Spinne – Schullektüre bis heute. Über ihren Autor und ganz speziell über seine weniger bekannte, wahrhaft meisterliche Erzählung Die Wassernoth im Emmental kann man sich in der aktuellen Ausstellung des neuen Gotthelf-Zentrums in Lützelflüh umfassend informieren. Jeremias Gotthelf alias Albert Bitzius (1797–1854) ist ein immer wieder liebenswerter Schweizer Klassiker – kernig, bodenständig, unsentimental und sozial engagiert. «Es soll in drei Tagen ein Kongress zu Jeremias Gotthelf stattfinden», heisst es zu Beginn der neuen Erzählung des 1956 in einem Ort mit dem wunderschönen Namen Santa Sofia d’Epiro geborenen Berner Schriftstellers Francesco Micieli. «Ich werde über ‹Gotthelf und die Fremden› sprechen. Fremdsein ist mein Job. Ich bin der Pressesprecher der Fremdheit.» Und zugleich kommt es dem Ich-Erzähler drei schlaflose Nächte lang so vor, als müsse er nach Lützelflüh zurückkommen, weil er dort etwas Wichtiges vergessen hat: «Eine Seele.»

Dieser Angelo war einst mit seinen Eltern aus Italien eingewandert und erinnert sich nun an die emotional aufgeheizte Zeit der Schwarzenbach-Initiative gegen die angebliche «Überfremdung» der Schweiz, die am 16. Juni 1970 mit nur 54 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt worden war. «Die Beatles hatten sich getrennt, Janis Joplin und Jimmy (!) Hendrix waren gestorben, James Schwarzenbach wollte die Italiener dezimieren.» Die meisterhaft komponierte, dreiteilige Erzählung bietet Skizzen und Szenen, die das Leben einer Immigrantenfamilie in den siebziger Jahren vor Augen führen, mitsamt der Schilderung einer unglücklichen, ebenfalls vom Überfremdungsgerede überformten Jugendliebe und inklusive bissiger Kurzporträts einstiger Schulkameraden und anderer Dorfbewohner von damals. Über die Mutter heisst es einmal, sie habe nur nicht auf-fallen wollen: «Die Schweiz sollte gar nicht merken, dass sie da war.» Was aber ebenso wenig half gegen die weitverbreitete «Italiener raus!»-Mentalität wie die Gigolo-Posen des Vaters oder das rebellische Aufbegehren des nicht nur in der Schule «auffälligen» Pop- und Rock-Sohns. Der Angelo von heute fragt sich mit Recht, weshalb er sich in seinen besten Jugendjahren ausgerechnet «mit Knoblauch und Mais in meinem Pult», mit körperlichen Attacken, verbalen Beleidigungen, Lokalverboten, Scham- und Schuldgefühlen beschäftigen musste. «Die siebziger Jahre waren traurig […] Mir kommen diese Jahre wie in ein jämmerliches Dämmerlicht getaucht vor, ein Grauton ohne Ausweg […] Tröstet es mich, wenn ich weiss, dass jeder seine eigene Fremdenfeindlichkeit verstecken möchte?»

Hundert bewegende, lesenswerte Seiten. Fran-cesco Micieli glückt eine ästhetisch elegante, lebenskluge und melancholische Reflexion über Nähe und Fremde, Heimat und Identität. In ständigem Gespräch mit Gotthelf, natürlich. Man kann und muss sein Buch auch als wichtigen Beitrag zur literarischen Landeskunde lesen, der an die von Schwarzenbachs Deportations-Initiative verschatteten Ängste und Albträume zahlreicher Kinder und Jugendlicher erinnert, die später ganz wesentlich zum Wohlstand und zum Ansehen der Schweiz beigetragen haben. Weshalb Schwazzenbach es verdienen würde, Schullektüre zu werden. Wie Die schwarze Spinne.