Ode an die Weiblichkeit

Ode an die Weiblichkeit

Laura Vogt: Was uns betrifft.

 

«Alle glücklichen Familien gleichen sich, jede unglückliche Familie ist auf ihre Art unglücklich», schreibt Tolstoi. Auch in Laura Vogts neuem Roman ist die familiäre Ausgangslage eine unglückliche. Rahel und ihre Schwester Fenna wachsen nach dem plötzlichen Weggang ihres Vaters allein bei der Mutter auf. Das fehlende Väterliche in der Familie spürt sie als ewiges Sehnen, dem sie nur mit Melodien, die sie zur Selbstberuhigung seit dem ersten Tag des Weggangs des Vaters summt, beikommen kann. Daraus erwächst ihre Leidenschaft zur Musik, die sie später bei Auftritten in Zürcher Clubs als Songwriterin und Sängerin gemeinsam mit ihrer Freundin Maya auslebt. In ihren Songs arbeitet sich Rahel immer wieder am Vaterthema ab, ohne es jemals aufzulösen. Als sie schwanger wird – der biologische Vater hat sich, da blosse Affäre, davongemacht –, stellt sich ihr die Frage nach dem Väterlichen erneut. Als sie sieben Monate nach der Befruchtung Boris, einem introvertierten Schriftsteller, begegnet und der sie, das schwangere Stadtkind, sofort einlädt, mit ihm in seinem Haus in einem Dorf in der Ostschweiz zu leben, bricht Rahel ihre Zelte ohne Zögern ab und zieht fluchtartig zu ihm. Aber wie alle übereilten Entscheidungen fordert auch diese ihren Tribut. Denn die Angst, vor der Rahel flüchtet, nimmt sie in die Abgeschiedenheit mit: dass Boris gehen könnte wie ihr Vater. Und als ihre gemeinsame Tochter zur Welt kommt, spürt sie den Schatten ihrer Weiblichkeit: die Tochter bleibt ihr seltsam fremd.

Zu ihrer Mutter hat Rahel kaum Kontakt, bis Fenna berichtet, dass diese an Krebs erkrankt sei. Ein gemeinsames Wochenende bringt den drei Frauen Erinnerungen, Klärung und Ordnung alter und neuer Gefühle und lässt sie als Familie neu zusammenfinden. Das Unglück als Tenor der Familie löst sich auf und befreit die Schwestern schliesslich aus ihren Liebes- und Lebenssackgassen.

Laura Vogts zweites Buch begeistert durch unverbrauchte Bilder und die stimmige Übersetzung von Gefühlen sowohl in eine poetische wie auch unverblümt direkte Sprache, denn immer geht es auch darum, neue Worte zu finden und die Dinge beim Namen zu nennen. Der Roman lässt sich als Ode an die Weiblichkeit und an die ewige Ambivalenz des Mutterseins lesen, in der frau sich vermeintlich zwischen Aufopferung und Selbstverwirklichung entscheiden muss.

Es ist die Geschichte einer Frau, die erkennt, dass gelungenes Leben nie im Entweder-oder stattfinden kann, sondern ein ewiger Balanceakt des Sowohl-als-auch bleiben muss und dass wir unsere Ängste, Sehnsüchte und Beziehungen erst dann verstehen werden, wenn wir sie im nie ganz schmerzfreien Kontext und Spiegel unserer Familiengeschichte betrachten.


Laura Vogt: Was uns betrifft.
Bern: Zytglogge, 2020.

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