One Direction

Bern – London: 2 Std. 0 Min.

Nichts piepst in der Flughafenkontrolle. Mein Rucksack nicht. Mein Kleingeld nicht.

Ich nicht. Habe alles ausgezogen, was diesen unangenehmen Ton verursachen könnte, der stets ein «Hände hoch» plus Abtasten zur Folge hat. Das Buch in meiner Jackentasche verhält sich auch sehr ruhig, tut harmlos. Der neueste Gedichtband von Jürgen Theobaldy: «Hin und wieder hin, Gedichte aus Japan», Verlag Peter Engstler.

Die britische Bordstimme erklärt uns, wie wir uns retten können, wenn eigentlich nichts mehr zu retten ist. «Ein Komet zischt vorbei! / Quatsch, es war der Vorhang vorn / von einer Hand aus der Crew / auf einen Ratsch zugezogen.» Als ich den Händen folge, die auf die Notausgänge zeigen, blicke ich in zwei Augen, die mich einen Moment aus der Geschichte ziehen. Ich will mich losschnallen und hingehen, aber mein Pflichtbewusstsein hält mich zurück. Neben mir stimmt Matilda sich auf das One-Direction-Konzert ein, mit ihren Kopfhörern, sie hat die Reise geschenkt bekommen. «Blau ist eine Erscheinung / über dem scharfen Rand des Flügels, / eine halbe Stunde nur entfernt / von der sibirischen Nacht.»

Wir beissen in die Vegi-Sandwiches, die uns von einer lächelnden Hostess angeboten werden, dazu Kaffee. Eher schwarzes, heisses Wasser. Wenn man bedenkt, dass die Engländer das erfunden haben, ist man enttäuscht. «Und dort prangt Raps, das nahe Gelb! / Auch dieser Flug / er endet unter meinem Fuss. / Ein warmer Dunst steht in der Halle / Koffer gleiten her.» Matilda fotografiert die englische Küste. Wir sind Asterix und Obelix – mit Minibrötchen in der Hand. Als ich nach der Landung mein Mobiltelefon einschalte, erhalte ich nebst den Roaming-Informationen ein Lächeln von Said Adrus, meinem Freund in London, er erwarte uns im Café Halle 5. «Das nenne ich finden / wo ich nichts vermisse / die Abendschatten nicht / mir eben angekündigt / auch das Schreibzeug hält.» Die Koffer kreisen, alle sind gespannt, auf der anderen Seite sehe ich die Frau. Sehe wieder ihre Augen. Wir nicken uns zu.


Francesco Micieli
ist Schriftsteller und hat auf Reisen stets ein Buch für uns dabei. Von ihm zuletzt erschienen: «Der Agent der kleinen Dinge» (Zytglogge, 2014).