Unser Helge

Matto Kämpf: Kanton Afrika. Eine Erbauungsschrift. Luzern: Der Gesunde Menschenversand, 2014.

Unser Helge

Am besten liest man «Kanton Afrika» im Zug oder, je nach Destination, auch im Postauto. Ich habe das Buch auf der Strecke Escholzmatt–Kemmeriboden gelesen, und schon die ersten Sätze waren eine Bildlegende zur vorüberziehenden Landschaft: «Das Berner Oberland ist ein mit Tannen bewachsener Unsinn. Noch blöder ist es, wenn es schneit. Dann sind alle drinnen, und der Charakter platzt heraus.» Ich musste nicht bis ins Oberland fahren, um festzustellen, dass das stimmt.

Matto Kämpfs erster Roman («fast schon Literatur», wie er selbst sagt) spielt zwar irgendwann zwischen dem Paläolithikum und den napoleonischen Kriegen, aber die Klischees, die er auftischt, haben sich gut gehalten, sind also mit aller Wahrscheinlichkeit wahr. Es geht um Immanuel Kämpf, Mattos fiktiven Urgrossvater, der in die Fänge der Thuner Obrigkeit gerät, mit einem Blasbalg eine Kuh aufpumpt, damit über die Alpen entschwebt und eine unfreiwillige Münchhausiade durch die anderen 25 Kantone antritt. Die «Erbauungsschrift» kommt in blutwurstrotem Einband daher, ist teilweise in Fraktur gesetzt und hat den eigentümlichen Kämpf-Ton, den man lakonisch-drakonisch nennen könnte: Es werden Hexen zu Ragout gekocht, Lindwürmer mit dem Mörser eingestampft, Wölfe in heissem Käse ersäuft, und im Höllloch findet Immanuel Kämpf eine Wand mit wunderlichen Hieroglyphen, die entschlüsselt bedeuten: «Wer das liest, ist doof.»

Bei der Postautostation Marbach legte ich das Buch zum ersten Mal weg. Neben mir hatte eine Frau Platz genommen, die so roch wie weiland Immanuel Kämpfs verstorbener Grossvater: stark, aber immerhin «nicht mehr als vorher». Weiterlesen ging nur, weil sich das Buch auch bestens als Fächer eignet und es gar nicht so draufankommt, wo man gerade aufschlägt. Über jeden Schweizer Sonderfall erfährt man, was man schon immer wusste, aber erst in dieser Chronik schwarz auf weiss hat: Die Zürcher sind Streber, die Tessiner «geschmeidig», die Jurassier entrückte Drögeler. Die Schwyzer treten als «sichtlich unausgerottete Indianer» auf, und die Bündner gehen protestantisch aufs WC, um katholisch wieder herauszukommen.

Ist das lustig? Sehr. Ist das gescheit? Ebenso: Kämpf persi-fliert den helvetischen Ordnungseifer (am Morgarten gibt es einen «Schlachtwart»), lässt seinen Helden über den Wohlstand stolpern (konkret: über die Schnabelschuhe, die dieser einer «feudalen Leiche» entwendet), und er stellt die verkorkste Landesseele bloss («die Österreicher starben mit Schneid, die Schweizer mit Vorbehalten»). Seine Komik steht in enger Verwandtschaft zu der von Helge Schneider, ist also kaum reproduktionsfähig. Wie Schneider muss man auch Kämpf mindestens einmal live gesehen haben, um seine volle Lustigkeit zu begreifen. Denn er hat die Bühnenpräsenz eines Mammuts und ist, abermals wie Schneider, ein Hansdampf in allen Gassen, macht Theater, Filme, Comedy und Musik und hat als fiktiver Regierungsaspirant Beat Zoss gar in den Berner Wahlkampf eingegriffen.

In Kemmeriboden war ich halb durch mit dem Bändchen und nach einer Meringue bereit für die Rückfahrt. Die streng duftende Frau war ausgestiegen, ein stieg eine Wandergruppe, die schwer verständliches Französisch sprach und gleichzeitig «trank, schrie und fuchtelte», wie es bei Kämpf über die Neuenburger heisst. Absurder Humor, dachte ich, das ist der neue Realismus.