Brennbuch

Samstagmorgen. Selbst die Rasenmäher schweigen noch. In der Luft die Vorstellung eines Hahns. Hunderte von Jahren alt, präsent wie ein eingeschlafener Fuss. Der Wind streunt durch die leeren Strassen und Gassen, streicht um die Strassenlaternen und mischt sich hier und da mit dem Benzingeruch noch anzuwerfender Rückenmäher und Traktoren. Durch klapprige Holzrollläden dringen die ersten […]

Brennbuch

Samstagmorgen. Selbst die Rasenmäher schweigen noch. In der Luft die Vorstellung eines Hahns. Hunderte von Jahren alt, präsent wie ein eingeschlafener Fuss. Der Wind streunt durch die leeren Strassen und Gassen, streicht um die Strassenlaternen und mischt sich hier und da mit dem Benzingeruch noch anzuwerfender Rückenmäher und Traktoren. Durch klapprige Holzrollläden dringen die ersten Sonnenstrahlen auf ein ungemachtes Bett. Trotz angesagter 30 Grad schlüpft L. schlaf- und trunken in Gummistiefel, aus denen nun seine muskulösen Beine ragen. Aus dem für einen Mittzwanziger erstaunlich schwammigen Oberkörper quellen sonnengebräunte Arme mit zu grossen Händen. L. reibt sich die Augen, fährt mit der Hand über seinen Bart und durch das blonde Haar. Er atmet in seine Handfläche, riecht kurz daran. In Gummistiefeln und Boxershorts schlurft L. in die Küche, nimmt sich im Vorübergehen ein Unterhemd von der Heizung, streift es sich über. Apathisch auf einer Wurst kauend, stopft er einen Filter in die Kaffeemaschine. Zwischen Bierflaschen und vollgeaschten Kronkorken stellt er eine Dose Bärenmarke, Büchsenwurst, Blutwurst, Senf, Scheiblettenkäse und Nutella. Die Kronkorken erwachen langsam, blinzeln missmutig unter ihren wie Sahnehäubchen geformten Aschehüten hervor. Die Hitze des bevorstehenden Tages umspielt die Gitter eines unbewohnten Vogelkäfigs, in dem sich der Wind zusammenrollt. Mit einem Wurstbrot in der Hand stolpert L. eine ausgetretene Holztreppe hinab ins Freie. Er geht an einem Holzstapel vorbei, quert den Hof, auf dem ein bunt bemalter Traktor steht, und schiebt den Riegel einer breiten Stalltüre zurück.

 

Das ausgewaschene Feinripp fliegt gegen das Schachbrett, landet mit einem Träger irgendwo zwischen A2 und F8. Drei Bauern samt ihrer Dame sowie ein missmutiger Turm werden auf den Boden geschleudert, von wo aus sie verächtlich und abweisend den neuen Mitspieler betrachten. Die auf dem Spielfeld verbliebenen Figuren, sich normalerweise spinnefeind, sitzen beleidigt mit verschränkten Armen auf ihren Plätzen, vereint im Ärger über den ungebetenen Gast in ihrer Mitte. Und wenn sie zurückkäme, ruft ein Läufer vorwurfsvoll von C1. Resigniert blickt das Unterhemd in Richtung der Haken an der Stalltüre, wo der Platz neben grünen Arbeitsmänteln, gelben Friesennerzen, einem schwarzen Seidenbustier und Strohhüten schon so lange leer ist.

 

Das ganze Spektakel aus den Augenwinkeln betrachtend, hat L. mittlerweile ein Feuer aus Halbmeterscheiten unter dem kupfernen Brenngeschirr entfacht, einen Teil der Kloake aus einem Bottich über das Feuer gepumpt und auf Seite 78 aus Goethes «Werther» einen ausgefransten Zahnstocher gezogen, den er sich nun, das Gezanke vom Schachbrett ignorierend, beim Lesen wieder in den Mund schiebt. Er hält inne, nimmt das Brennbuch für die Zöllner vom letzten Jahr und überspringt zielstrebig Januar und Februar. L. lehnt sich zurück und liest die Zeilen in seinem Arbeitsprotokoll.

 


9. März: 15,4 Liter Reinalkohol Rohbrand Zwetschgenwasser. 

Blicke, tief wie Mariannengraben

Hände, die so vieles sagen

Augen, wie Lastwagen

überrollen dich

Wollen dich

Hackedicht

 

Er betrachtet das Heft, angefüllt mit Buchstaben, die Datum, Dreisätze und Reinalkoholmengen auf das Papier bannen. Neben dem Titel Brennbuch steht in einer anderen Schrift, wie in Eile, aber doch mit einem verschmitzten Klecksen gepinselt:

 

Mehrfach mehrmals: Viel Quadrat. 

 

L. blättert zurück. Auf der ersten Seite liest er:

 

Ist es der Tod, der durch die Rohre fliesst? Oder das Leben?

 

L. betrachtet den Satz lange. Er fährt die ihm bekannten Buchstaben mit seinen Fingern nach, fühlt den runden Bögen und Schnörkeln hinterher. Schaut in das Bullauge, in die Wogen aus halb verfaultem Obst und in die Strudel aus blubbernder Maische. Der braune, sich immer neu formierende Schaum, wie Lebensentwürfe, neben sich herexistierende Paralleluniversen, die wieder und wieder in sich zusammenfallen, nur um in den veränderten Formen
und Zusammensetzungen vom Rührstab zerfetzt zu werden.

 

Observatorium
Observatorium

er beobachtete lange die menschen gesichter ihre kraft ihre züge befasste sich mit ausgeprägtem kinn zögerlichem oder überhängendem mit dellen und wallvorsätzen mit hohen oder fliehenden stirnen haaransätze machten ihn besessen ausgedünnte schädelböden oder grosse büsche samtig gleissendes schwarzes gold die feinporigkeit der haut ihre oberfläche als gebirge als buch mit siegel aufgestülpte lippen oder […]

Für immer die Alpen
Für immer die Alpen

Unruh folgte den Eisbären aus Plastik, die abseits der Strasse im Gras, auf Astgabeln oder Stromkasten standen und ihm in schmutzigem Weiss leuchtend den Weg wiesen. Die gartenzwerggrossen Tiere schickten ihn eine Strasse entlang, die sich: futuristisch, dachte er, den Hügel hochwand wie ein hingeworfenes Stück Schnur. Sah er sich erst von Wiesen umgeben, war […]