Dominique Anne Schuetz: «Von einem, der auszog, die Welt zu verschieben»

Dominique Anne Schuetz:
«Von einem, der auszog, die Welt zu verschieben»

 

Es muss der Föhn sein, dieser süsse Schaum des Mittelmeers, der die Nordseite der Alpen herunterstreicht und das Land mit wohliger Wärme verwöhnt – und der der Schweizer Literatur immer wieder solche Romane schenkt. Die Menschen lehnen sich zurück, legen die Beine hoch, wackeln mit den Zehen und geniessen die gemütliche Behäbigkeit. Es ist Zeit für einen Latte macchiato, etwas Grünzeugs im Hintergrund, ein Plätschern für die Atmosphäre und etwas Abenteuerliches zur Unterhaltung, damit man nur nicht wegdämmert. Wenn Sie jetzt denken: «Klar, dass es hier nur um den neusten Roman von Alex Capus gehen kann!» –, dann muss ich Sie enttäuschen. Die hier gemeinte Lounge-Lektüre stammt von Dominique Anne Schuetz, die genau jenen föhnverwöhnten Schlendergang beherrscht, mit dem auch Capus seine Handlungsstränge durchmisst.

Was Schuetz’ «Von einem der auszog, die Welt zu verschieben» aber von den typischen Capus-Geschichten unterscheidet, ist die Lust der Autorin, erzählerisch eine Runde um den Block zu drehen, während Capus meist fokussiert und nah bei seinen Hauptpersonen bleibt. Es geht hinaus in die weite Welt, das Personal der Marke «Tapferes Schneiderlein», mit einigen sympathischen Spleens, fest im Herzen und frei im Sinn – aber vor dem Sex wird stets das Licht ausgemacht! Die Geschichte des St. Galler Bürohengsts Ferdinand Ulrich und des Münchner Geigenbauers Alois Brandl führt bald zu Hinz und Kunz, John und Jane Doe in New York, zu den Gabors in Kansas und Hans Albrecht im Münchner Kreuzviertel. Das alles hat mit der eigentlichen Geschichte nichts zu tun, denn die kommt erst zum titelgebenden Thema, als sich der Geigen-Loisl schon wieder aus der Handlung verabschiedet hat. Trotzdem wird sich in diesen blauen Stunden der gepflegten Unterhaltung niemand langweilen: Schuetz’ Buch für einen warmen Wohlfühltag in Therme und Sauna, an Caféhaus-Tischen, in Gartengondeln oder auf Picknickdecken plätschert nämlich trefflich! Es spielt oft im Grünen und bietet nette Abenteuer, passt gut zu Latte macchiato, man kann mit den Zehen wackeln. Niemand wird dabei aus dem Sessel gerissen, niemand wird zu sehr beunruhigt, fast alles geht gut aus. Und was nicht gut ist, lässt sich mit einem indignierten «Tz-tz-tz» entspannt ertragen.

Dominique Anne Schuetz: Von einem, der auszog, die Welt zu verschieben. Zürich: Europa, 2015.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
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Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
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