Roland Buti:
«Das Flirren am Horizont»

 

Die Landschaft «ähnelt einem alten, harten Keks», im Hinterhof hängt ein «Geruch von Sellerie und Schwefel», drückende, aufgestaute Hitze überall, schon im Juni. Und es wird nicht besser in diesem Jahrhundertsommer 1976, der als «Europas grosse Dürre» in Erinnerung bleibt. Sie bildet den klimatischen Rahmen des ersten ins Deutsche übersetzten Romans des Lausanner Historikers Roland Buti. Sie liefert den unbarmherzigen Soundtrack zu dieser Geschichte – «ein unendlich feines, trockenes Knistern» –, in deren Verlauf das Gefüge einer Westschweizer Bauernfamilie so rissig wird wie ausgetrocknete Erde.

Es ist Auguste Sutter, genannt Gus, der im Rückblick schildert, was ihm und seiner Familie in diesem Sommer widerfahren ist. Mit 13 noch mehr Kind als Jugendlicher, lebt er gern in einer Phantasiewelt, die ihn ablenkt von dem, was ihm Angst machen könnte, von dem, was unweigerlich seinen Lauf nimmt. Ein erstes «Flirren am Horizont», Anzeichen, dass nach diesem Sommer nichts mehr so sein wird wie zuvor, geht von einer redseligen, selbstbewussten Fremden in einem buntscheckigen Kleid aus, deren Atem «nach Honig und Lakritz» riecht. Als Freundin der Mutter vorgestellt, sitzt die plaudernde Cécile bald täglich mit am Tisch der bäuerlichen Familie, in der nicht viel gesprochen wird, in der jeder die ihm zugewiesenen Aufgaben erfüllt. Ein starker Kontrast, diese Cécile, die die Mutter mit sich nehmen wird in eine andere Welt, in der sie freier atmen kann.

Es gibt viele Anzeichen für dieses grosse Auseinanderbrechen der Familie, viele kleine Ereignisse, seltsam und bedrohlich, die Spannung der Geschichte kontinuierlich steigernd. Die Ankunft einer verletzten Zuchttaube, vermutlich einem Zauberkünstler entkommen. Die Ohnmachtsanfälle des Hundes, das Sterben der Hühner, mit deren Massenzucht der Vater sich ein gutes Geschäft erhofft. Das Verschwinden von Bagatelle, der alten Stute, die so gelassen dem Tod entgegensteht wie Grossvater Annibal, der die Länge seiner gerauchten Zigaretten addiert und damit den Weg beschreibt, an dessen Ende er von einer Welt geht, die längst nicht mehr die seine ist. Da ist die kleine, leicht verrückte Mado, die Gus tief hinab in die Erde, ins Grundwasser lockt, wo er seine Unschuld verliert. Im selben Augenblick, als ein Gewitter mit gewaltigen Wassermassen alle Anspannung jäh auflöst und dabei das, was vom alten Leben noch übrig war, was der Hitze noch standgehalten hatte, endgültig zerstört.

Die Sprache steht in «Das Flirren am Horizont» ganz und gar im Dienst dessen, was sie transportiert. Sorgfältig werden die Wörter gewählt und die Sätze geformt, vom Autor, von der Übersetzerin Marlies Russ. Präzise und mit feinem Humor beschreibt Buti und lässt dabei Bilder entstehen, die ihre Wirkung unmittelbar entfalten, weil keine vordergründige Intelligenz, keine selbstverliebte Sprache Distanz zu ihnen schafft. Es ist deshalb auch keine laute Begeisterung, die sich beim Lesen dieses Romans einstellt, sondern eine weit über die letzte Seite hinaus andauernde, leise Freude.

Roland Buti: Das Flirren am Horizont. Zürich: Nagel & Kimche, 2014. Aus dem Französischen übersetzt von Marlies Russ.

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