Evelina Jecker Lambreva:
«Vaters Land»

 

Psychiaterin und Psychotherapeutin in Luzern, Dozentin an der Universität Zürich, Lyrikerin und Erzählerin deutscher Sprache – die 1963 im bulgarischen Stara Zagora geborene Evelina Jecker Lambreva hat einen langen steinigen Weg zurückgelegt, bevor sie sich an ihren ersten Roman wagte. Das spürt man beim Lesen von «Vaters Land», einem durch Orts- und Zeitwechsel geschickt strukturierten Buch voller Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend unter dem autoritären Regiment eines dennoch heiss geliebten Vaters, eines misstrauischen und verschlossenen

Augenarztes, der in der deutschen Sprache und Literatur eine Gegenwelt zur realsozialistischen Tristesse gefunden hat. Der Roman, der das Leben der Inna Kamenarova und dasjenige von vier Generationen ihrer Familie von den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts bis fast in die Gegenwart hinein in atmosphärisch dichten Szenen aufblitzen lässt, beginnt konventionell: Inna, um 1990 in die Schweiz emigriert, macht sich nach dem unerwarteten Tod ihres Vaters mit Ehemann und Sohn auf den Weg in ihr Herkunftsland: «Sofia präsentiert sich wie der volle Aschenbecher meines Vaters nach einer schlaflosen Nacht.» Und natürlich wird ihre Reise zu Vaters Beerdigung zur Rekapitulation und Reflexion einer Vergangenheit, die nicht wirklich vergangen ist.

Der Vater hatte Inna einst aus ihrer geliebten deutschsprachigen Grosselternwelt gerissen und ans «Ende der Welt» gebracht, nach Velkovo an der türkischen Grenze, wo die Offizierskinder mit dem Finger auf sie zeigten, «Hitler! Hitler!» riefen und sie auslachten – ihre ohnmächtige Wut über diese fatale Entscheidung ist die Ich-Erzählerin nie mehr losgeworden. Doch nicht allein um ihr Verhältnis zum von den herrschenden Kommunisten mehrfach gedemütigten Vater geht es. Vielmehr bilden die Geschehnisse um dessen Begräbnis in einem abgelegenen nordbulgarischen Gebirgsstädtchen den erzählerischen Rahmen für zahlreiche Binnenepisoden, die ein anschauliches und landeskundlich aufschlussreiches Bild eines von grandiosen Landschaften und liebenswerten Menschen, vor allem aber von Armut und Unterdrückung geprägten Landes am Rande Europas zeichnen. Meisterlich schildert die Autorin wilde, fast unberührte Naturszenerien sowie lebenskräftige und oft listige Menschen, die der politisch gewollten inneren wie äusseren Ödnis etwas Eigenes entgegensetzen. Elias Canetti lässt grüssen, nicht nur in den Abschnitten, die Innas Gymnasialjahre in Russe an der Donau schildern – einerseits Staatssicherheit und Miliz und absurd militärische Hausordnung, andererseits verschmuste und wüste Partynächte mit Pink Floyd oder Deep Purple. Leider überzeugt die ambitionierte Romankonstruktion nicht durchgängig. Es gibt unmotivierte Brüche und motivische Wiederholungen und, neben wunderbar poetischen Partien, auch schwächere Passagen im Schulaufsatz- oder Mädchentagebuchstil. Und jenem zuckersüssen Balkankitsch, der schon allerlei Geschichten aus Südosteuropa schwer verdaulich machte, entgeht die Autorin auch nicht immer. Dennoch: «Vaters Land» ist eine bewegende, ja streckenweise zu Tränen rührende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einer klugen, kritischen und zugleich sentimental-nostalgischen Frau – und mit den Widersprüchen einer im Grunde vormodernen Gesellschaft im Übergang in eine prekäre EU-Zukunft. Ein beachtliches Romandebüt.

Evelina Jecker Lambreva: Vaters Land. Wien: Braumüller, 2014.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»