Alice im virtuellen Wunderland

Meinen ersten Roman habe ich auf einer elektrischen Schreibmaschine geschrieben, bewaffnet mit Tipp-Ex. Das ist 14 Jahre her, aber es scheint, als ob wir inzwischen auf einem anderen Planeten lebten. Scheinbar unbemerkt gewöhnt man sich an Computer, an iPhones und iPods und iPads, die sich mit ihrem perfekten Design in unserem Leben einnisten, als wären […]

Alice im virtuellen Wunderland

Meinen ersten Roman habe ich auf einer elektrischen Schreibmaschine geschrieben, bewaffnet mit Tipp-Ex. Das ist 14 Jahre her, aber es scheint, als ob wir inzwischen auf einem anderen Planeten lebten. Scheinbar unbemerkt gewöhnt man sich an Computer, an iPhones und iPods und iPads, die sich mit ihrem perfekten Design in unserem Leben einnisten, als wären sie schon immer da gewesen. Um es gleich vorwegzunehmen: ich habe nicht das Geringste gegen diese sexy Maschinchen. Aber hier kommt der Widerspruch: zu meinem 20. Geburtstag schenkte mir mein Vater Kindlers Literaturlexikon in 20 Bänden. Seither sitzt es zuoberst – wie ein Wächter – auf dem Bücherregal.

Zu Büchern in meiner Bibliothek habe ich eine emotionale Verbindung, etwa zu jenem zerfledderten, von der Sonne verblichenen Exemplar von Joseph Roths «Hiob», das ich in Mirissa, Sri Lanka, nur zwei Wochen vor dem Jahrhunderttsunami am Strand fand und das mich seither überallhin begleitet. Kurz: ein Leben ohne Bücher ist für mich unvorstellbar. Wird aber meine jetzt vierzehn Monate alte Tochter dereinst die gleiche sentimentale Beziehung zu Büchern haben und sich über eine 20bändige Enzyklopädie freuen wie ich? Kaum. In 20 Jahren wird eine Enzyklopädie so antiquiert sein wie heute eine Langspielplattensammlung. Etwas für Liebhaber.

Mein englischer Verleger publiziert ausschliesslich «Paperbooks». Er hat gegenüber den neuesten Entwicklungen keine Berührungsängste. Er zuckt zum Thema «eBook» mit den Achseln, ist überzeugt, dass es immer eine Nachfrage für das gebundene Buch geben wird, es aber gleichzeitig in den Nischenmarkt driftet. Dass alle Bücher seines Verlags auch als eBook erscheinen, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Wer Scheuklappen trägt und nicht flexibel ist, meint er, wird früher oder später untergehen.

Letzten Sommer nahm ich als Gastrednerin an einer Konferenz in London teil, bei der es um die Frage ging, wie das eBook die Zukunft verändern wird. Neben mir auf dem Podium sass eine junge Frau, die mit glühenden Augen das iPad präsentierte. Alice im Wunderland hüpfte über den Bildschirm, und der Text präsentierte sich in mittelalterlich geschwungener Schrift. Skeptisch nahm ich das virtuelle Buch in die Hand – und siehe da: alle meine Zweifel waren verflogen. Sofort hatte ich Lust, mich damit in eine Ecke zu verkriechen und zu lesen. Es lag so angenehm und leicht in meiner Hand, als hätte es immer schon dahin gehört. Die neue Generation von Kindle und Co. ist enorm leserfreundlich – diese Geräte werden sich so schleichend und unbemerkt in unserem Leben einnisten wie alle anderen Maschinchen davor. Wer möchte dann noch Bücher auf Reisen herumschleppen? Enzyklopädien auf dem Regal einstauben lassen? Ich vielleicht – aber ich bin ein Buchjunkie.

Wird das eBook das herkömmliche Buch ersetzen? Niemals. Wird es den Buchmarkt in seinen Grundfesten erschüttern? Mit Sicherheit. Und die Erschütterung ist bereits spürbar: Kurz vor Weihnachten schloss in London die letzte Filiale der führenden amerikanischen Buchhandelskette «Borders» ihre Türen. Einige Monate zuvor war ich noch an der hoffnungsvoll angepriesenen Eröffnung der französischen Buchhandelskette «Fnac» in meiner Heimatstadt Basel – wenige Monate später machte sie wieder dicht. Täglich schliessen Buchhandlungen, und auch das geht still und schleichend vor sich. Wie oft stand ich in London schon in einem gigantischen, aber gänzlich leeren «Waterstones»? Grossbuchhandlungen fühlen sich derzeit an wie Friedhöfe. So ist es den Musikläden seit der Geburt von «Napster», «Grooveshark» oder «iTunes» auch ergangen. Die Zukunft liegt vielleicht in Kleinbuchhandlungen, die einen exzellenten Service anbieten und mit Veranstaltungen zu einem Treffpunkt Gleichgesinnter werden. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Zum Schluss der Lichtblick: für Autoren ist die digitale Revolution eine Riesenchance. Bisher hat man über Autoren, die sich im Selbstverlag herausbrachten, nur die Nase gerümpft. Die Regel war: ein richtiger Autor hat einen Vertrag mit einem richtigen Verlag. Heute ist längst nicht mehr alles, was online verlegt wird, schnell und billig geschriebenes Zeug, das zu schlecht war, um einen renommierten Verlag zu finden. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis irgendwo ein junger Mensch ein literarisches Wunderwerk schreibt und es direkt online zur Welt bringt. Und es wird sich anfühlen, als sei es immer schon so gewesen.