Stille Post – Adolf Muschg in Babylon

Zeigt man nicht, indem man den Prozess offenlegt, am besten, was beim Übersetzen passiert? – Auf den Spuren von Urs Widmer, der seiner Geschichte «Stille Post» einst Ähnliches widerfahren liess, haben wir ein Experiment gewagt und eine Stelle aus Adolf Muschgs neuem Roman über das Französische, das Italienische und das Englische wieder ins Deutsche übersetzen […]

Zeigt man nicht, indem man den Prozess offenlegt, am besten, was beim Übersetzen passiert? – Auf den Spuren von Urs Widmer, der seiner Geschichte «Stille Post» einst Ähnliches widerfahren liess, haben wir ein Experiment gewagt und eine Stelle aus Adolf Muschgs neuem Roman über das Französische, das Italienische und das Englische wieder ins Deutsche übersetzen lassen.

Was ist unterwegs passiert? Es sind Nuancen, die zwischen Muschgs Original und der Rückübersetzung «vier Sprachen später» liegen. Aus einem «Schausteller» wird ein «Zirkusdirektor», aus der «Gutenacht-» eine «letzte Geschichte». Aber zeigen nicht gerade solche kleinen Verschiebungen aufs Schönste, welche Möglichkeiten (und manchmal: Grenzen) uns die Sprache bietet? Als zusätzlichen Einblick haben wir die Übersetzer je eine besonders knifflige Stelle kurz kommentieren lassen.

Weiterübersetzungen gibt es im «echten Leben» übrigens fast nie. Fast: Der mexikanische Autor Mario Bellatin etwa erklärte die französische Übersetzung eines seiner Romane «…» zum Original und zerstörte die spanische Urfassung: Ein Text sei doch interessanter als das, was ein Autor sagen wolle; er vertraue darauf, dass der Roman mit jeder Übersetzung weiter von ihm weg und näher zu sich selbst finde. Und Urs Widmer schrieb über die letzte, wieder ins Deutsche übertragene Version seiner «Stillen Post»: «Das ist nicht, was ich einst geschrieben hatte. [Aber] es ist vielleicht das, was ich schreiben wollte!»

Unser Experiment ist eine Zusammenarbeit mit dem Centre de traduction littéraire de Lausanne (CTL), das Aus- und Weiterbildungs- sowie Dienstleistungsangebote für Übersetzer anbietet und durch Publikationen und Lesungen mit Autoren und Übersetzern aus allen Sprachen die Wahrnehmung des Übersetzens in der Öffentlichkeit stärken will. Herzlichen Dank an Irene Weber-Henking und Camille Luscher vom CTL, an Adolf Muschg – und natürlich an die vier beteiligten Übersetzer! (sb)


 

#1 – Das Original: Rückkehr nach Fukushima
von Adolf Muschg

Du wirst bald schlafen wollen, Paul, fuhr Ken leichthin fort, dann habe ich noch eine Gutenachtgeschichte für dich. Kennst du Astro Boy?

Die Figur mit dem geknickten Ohr?

Und mit Bambi-Augen und mit schwarzem Flattermäntelchen und mit roten Stiefeln. Sie lassen sich als Raketen brauchen. Astro Boy war Tezukas Welterfolg, aber er war nicht stolz darauf.

Er will immer nur das Gute, sagte Paul.

Und dann tut er es auch noch. Er ist eben ein Roboter, sollte seinem Erfinder den leiblichen Sohn ersetzen, der tödlich verunglückt war. Und dann warf er dem kleinen Bot vor, dass er einfach nicht grösser werden wollte. Er blieb ein Kind, wie Peter Pan. Da verkaufte er ihn an den Schausteller Hamegg. Astroboy musste im Zirkus auftreten, mit andern Robotern, aber auch wenn er nur die bösen killte, es machte ihm keinen Spass. Da adoptierte ihn der gute Doktor Ochanomizu, das heisst Teewasser, und von da ging es aufwärts. Er durfte nicht nur Menschen retten, sondern die ganze Welt. Aber er blieb ein Ersatz. Ohne den Verlust eines wirklichen Menschen hätte es ihn nie gegeben.

Der Trauerfall ist Hiroshima. Auf Japanisch heisst Astro Boy «Atom Iron Arm». Das gestiefelte Kunstkind verkörpert die Geschichte der japanischen Atomindustrie. Und besiegt ihr Dilemma.…