Schreiben in den Worten anderer

Intro

«Ich wünsche mir einen Urlaub mit Feuer und Ferne, und Bruno wünscht sich einen Urlaub ohne Alkohol.» So lautet der erste Satz des Romans, den ich derzeit übersetze: «Immer ist alles schön» von Julia Weber. Die Erzählerin, Anais, 12 Jahre alt, möchte mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder Bruno in die Ferien fahren. Sie träumt von Lagerfeuern und davon, woanders zu sein, weit weg von ihrer Wohnung in der Stadt und vom Alkoholismus der Mutter. Von Beginn an geht es um einfache Wünsche und konkrete Situationen,  doch Webers Sprache trägt die Geschichte über das Alltägliche hinaus: «Feuer und Ferne»: zwei Substantive mit gleicher Silbenzahl, einer visuellen und phonetischen Ähnlichkeit, beide ohne Artikel auch, was Abstrakta wie «Liebe und Hoffnung» evoziert. Und hinter diesen Wörtern der Widerhall zweier anderer: «Feuer und Flamme». Vom ersten Satz an ist der Rhythmus von Julia Webers Sprache präsent. Und ihre Struktur: Anais wünscht sich Ferien mit etwas, Bruno ohne etwas.

Aus Sicht der Übersetzerin heisst das, all diese Elemente zu berücksichtigen beim Versuch, die Lebendigkeit und die sanfte Spannung wiederzugeben, die in diesen ersten Worten liegt. Ihnen den Klang und den Sinn zurückzugeben. Meine Übersetzung wird sich vielleicht noch verändern – sie hat sich schon ein paar Male verändert –, aber ich versuche, mich möglichst nicht von dieser Alltagspoesie zu entfernen, die das ganze Buch prägt, und diese Bewegung zu erhalten, die im Konkreten beginnt, um ganz woanders hinzuführen – eine Flucht in Worten aus einem Alltag, der zu schwer auf diesen beiden Kindern liegt. Die Reise, die sich Anais und Bruno so gewünscht haben, endet an der Endhaltestelle des Busses, auf einem Campingplatz am Stadtrand.

Julia Weber verwendet einfache Wörter, und die Dinge, die sie benennt, sind da, vor unseren Augen. Alles ist gesagt – durch Gesten, Gerüche, Dinge, Stille. Ihre Sprache und die Welt, die Weber durch sie schafft, sind greifbar. Nie benutzt sie poetische «Abkürzungen», indem sie etwa ein Gefühl benennt oder die Realität in einer Metapher kondensiert. Alles baut sich nach und nach auf, in Wiederholungen, und der Text zieht daraus eine rohe Kraft. Julia Webers Schreiben agiert, macht, ist in diesem Sinne ganz Performance, Benennung wie auch Schöpfung. Daraus entsteht die poetische Kraft dieses Buches: aus einer Poesie, die auf ihren etymologischen Ursprung verweist: auf das griechische Verb poiein, machen. Julia Weber lässt uns die Not wie das Glück ihrer Protagonisten spüren, statt sie uns zu erklären.

Wenn ich übersetze, fühle ich mich an meinem Platz. Ich mag diesen Zwischenzustand, dieses Gebiet, das man die «Übersetzungszone» nennen könnte, wo die Dinge noch in der Schwebe sind. Wo Sinn und Wirkung der Wörter durch mich hindurchmüssen, um in der anderen Sprache neu geschrieben zu werden, die auch eine andere Lesart der Welt ist, ein anderes Denksystem und die zum Intimen gehört: meine Muttersprache. Es ist wohl diese Aneignung des anderen durch die eigene Sprache, die mich fasziniert. Ein seltsamer, fast physischer Vorgang – ein Transport.

Man sagt, Übersetzen sei eine einsame Tätigkeit. Aber das Übersetzen ist ganz grundlegend ein Akt zu zweit, eine Begegnung, ein Dialog. Zunächst eine Arbeit des Zuhörens und erst dann des Aussprechens, setzt sie diese beiden Bewegungen voraus, auf denen auch die Kommunikation zwischen den Menschen beruht. Und wie bei jedem Austausch gibt es manchmal Störgeräusche, Missverständnisse, Unverständnis. Man weicht aus, man weiss nicht. Auch die Übersetzung hat ihre Schwachstellen, sie ist nie eine perfekte Entsprechung. Aber so, wie man sich durch andere selbst kennenlernt, offenbaren sich die Sprachen einander gegenseitig. Eine andere Sprache zu erlernen heisst auch, sich der Charakteristika der eigenen bewusster zu werden, beispielsweise wenn Wörter fehlen, die bestimmte Emotionen ausdrücken. Es ist gerade dieses Missverhältnis zwischen den Sprachen, ihre ambivalente Beziehung, die das Übersetzen so schwierig und gleichzeitig so interessant macht. Die Sprachen sorgen sich, befragen sich. Mit der Übersetzung wird die Eindeutigkeit in Frage gestellt, ja geleugnet: Es gibt nie nur einen möglichen Weg, nie ein Richtig und Falsch. Übersetzen ist immer Interpretation, immer relativ, denn ein Wort in einer Sprache entspricht nie genau einem Wort in der anderen Sprache. Sprachen kartographieren die Welt neu.

Wenn ich Julia Weber übersetze, fühle ich mich ganz zu Hause. Die Vorstellung, dass ich je ein anderes Buch übersetzen könnte, fällt mir schwer, so sehr liebe ich es, dieses eine zu übersetzen. Es ist wie mit der Liebe: Man glaubt immer, es sei die letzte, dass man sich danach nie wieder verlieben könne.


Raphaëlle Lacord 
ist Übersetzerin und arbeitet an der Universität Lausanne an einer kritischen Gustave-Roud-Edition. Ihre Übersetzung von Julia Webers «Immer ist alles schön» erscheint voraussichtlich im Frühling 2019 bei Les Editions de l’Aire. Lacord lebt in Lausanne.