Eugen Gomringer:   «poema»

Eugen Gomringer:
«poema»

Neben Heidi, LSD und der Relativitätstheorie ist die 1953 von Eugen Gomringer aus der Taufe gehobene konkrete poesie vielleicht der bedeutendste Schweizer Kulturexport. International längst ein Klassiker, kümmerte sich das eigene Land kaum um dieses Erbe – bis vor wenigen Jahren: zum Neunzigsten des Dichters 2015 gab es in Zürich eine öffentliche Hommage, 2016 folgte eine von Gomringer und Tochter Nora mitgestaltete Ausstellung im Literaturmuseum Strauhof. Und nun liegt im Nimbus-Verlag eine essenzielle Anthologie mit Gedichten und Essays vor, herausgegeben von seiner Frau Nortrud. Ein nicht unwesentlicher Teil der Erfolgsgeschichte dieser Poesie liegt zweifelsohne auch im Unternehmergeist des Autors und seiner Familie. «poema» nennt sich der vom Verlag gewohnt elegant und diesmal ganz in Pink gestaltete Band. Er enthält die bekanntesten konkreten Gedichte und Konstellationen (wie ave­nidas, ping pong oder schweigen) nebst wenigen Mundartdichtungen (wie schwiizer), ergänzt durch Selbstkommentare des Autors und Beiträge namhafter Schriftsteller und Literaturwissenschafter (aus dem Schweizer Kontext u.a. Zsuzsanna Gahse, Franz Hohler, Kurt Marti, Ilma Rakusa, Peter von Matt nebst Frau und Tochter Gomringer sowie Max Bill, als dessen Sekretär Gomringer in den 1950er Jahren amtete). Zum Teil handelt es sich also um ältere, rezeptionshistorische Texte, andere sind eigens für die Publikation verfasst worden. Insgesamt ergibt sich eine hochwertige Dokumentation zur langen Wirkungsgeschichte einer äusserst knappen Gedichtform. Oder wie Gomringer die Leistung der konkreten Poesie selbst einmal auf den Punkt brachte: «wenig eingabe, viel erfolg.»

Gomringers poetische Innovation stellt den Versuch dar, Bauhaus-Gestaltungsmaximen wie Funktionalität, Zweckgebundenheit und Reduktionismus auf das Gebiet der Literatur zu übertragen und Gedichte weniger als Ausdrucksmedium eines lyrischen Ich, sondern als «Gebrauchsgegenstand» zu verstehen. Die schlichten typographischen Arrangements von Wörtern bilden nicht Wirklichkeit ab, vielmehr dienen die einzelnen Lexeme über ihre Zeichenfunktion hinaus als Gestaltungselemente: Sie sind mehr designs als blosse signs. So entfalten Gomringers Gedichte ihr Potenzial erst als simultane Einheit von Wort-Bedeutung und Wort-Konstellation. Kein Wunder, übten sie auch Einfluss auf die Werbeästhetik aus.

Seit dem Gründungsmanifest «vom vers zur konstellation» wird die konkrete Poesie stets auch von einem Metadiskurs begleitet: Sie ist ebenso Poesie wie Programm, und Gomringer ist zugleich der erste Theoretiker und Chronist der von ihm geschaffenen Kunstform. Dieses Prinzip schreibt der pinke «poema»-Band mit seiner Mischung von Originalgedichten, Analysen und Retrospektiven fort. Er eignet sich damit ebenso als Liebhaberband für Kenner wie – auch dank des instruktiven Schlussessays von Annette Gilbert – für Neueinsteiger, die das Gebiet der konkreten Poesie erst erkunden wollen.

Eugen Gomringer: «poema. Gedichte und Essays». Wädenswil: Nimbus, 2018.