Telefontest

Ich habe kürzlich im Internet eine Liste mit Code-Wörtern gefunden, die, wenn man sie benutzt, das automatische Telefonabhörprogramm des Nachrichtendienstes des Bundes, NDB, anspringen lässt, das das ganze Telefongespräch aufzeichnet.  Dieses Vorgehen nennt sich Wordspotting. Völlig unnötig, habe ich gedacht und habe einige dieser Wörter laut und deutlich in das Telefon gesprochen, als ich meine Schwester […]

Telefontest
Michael Stauffer, photographiert von Tobias Bohm.

Ich habe kürzlich im Internet eine Liste mit Code-Wörtern gefunden, die, wenn man sie benutzt, das automatische Telefonabhörprogramm des Nachrichtendienstes des Bundes, NDB, anspringen lässt, das das ganze Telefongespräch aufzeichnet. 

Dieses Vorgehen nennt sich Wordspotting. Völlig unnötig, habe ich gedacht und habe einige dieser Wörter laut und deutlich in das Telefon gesprochen, als ich meine Schwester anrief, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren.

Kabel, Koffer, amerikanischer Fiskus, Bank, Nationalbank, Euro, Geld, Dynamit, Schweizer Armeemesser, Uhr, Attrappe, eine Überraschung organisieren, Batterien, Popcorn, Maurer-Joggel und Türme – habe ich in den Hörer gesagt.

Meine Schwester bedankte sich für den originellen Geburtstagswunsch und ich legte wieder auf.

Es hat alles tadellos funktioniert. Schon ein Tag später stand ein auffällig neutral silberfarbener Opel Omega in der Strasse vor meinem Haus und blieb dort auch tagelang stehen. Drinnen zwei unauffällig fad gekleidete Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes.

Ich klopfte an die Scheibe und fragte, ob ich helfen könne.

«Wir warten hier», war die Antwort.

«Worauf warten Sie?», war meine Nachfrage.

«Das können wir Ihnen leider nicht sagen. Es ist besser, wenn Sie jetzt weitergehen.»

«Nein, es ist besser, wenn Sie jetzt weitergehen», sagte ich.

Dieses Vorgehen wiederholte ich ein paar Tage lang und sagte schliesslich zu den Insassen des Opel Omega, sie sollten jetzt besser weiterfahren, ich würde mich von ihnen bedroht fühlen und dass es nichts zur allgemeinen Sicherheit beitrüge, tagelang dieses Haus zu überwachen.

«Wir sind hier nicht in Amerika», brüllte ich zum Schluss ins offene Wagenfenster.

Der Opel Omega inklusive Bundespersonal parkte am nächsten Tag zehn Meter weiter weg, und als ich erneut auf den Wagen zuging, stiegen die zwei Mitarbeiter aus und flüchteten in den nahen Kiosk, versteckten sich in einer Gruppe von Gewerbeschülern, die sich dort mit Zigaretten und Snickers eindecken wollten.

Ich tat so, als hätte ich nichts gesehen, und rief dann eine normale Polizeistreife, zeigte auf den seit Tagen immer in derselben Strasse abgestellten Wagen und bestand darauf, dass dieser samt Insassen kontrolliert wurde.

Jetzt ist wieder Ruhe im Quartier.