Vom Nachwuchs oder Das Leben danach

Warum eigentlich werde ich so oft gefragt, was ich vom literarischen Nachwuchs in der Schweiz halte? Schwingt in der Frage eine gewisse Unsicherheit mit, ein Minderwertigkeitskomplex? Kein Grund nirgends, denn sicher ist: an neuen jungen Autoren mangelt es der Schweiz nicht. Das mag auch daran liegen, dass man als Autor dort ein vergleichsweise bequemes Leben […]

Vom Nachwuchs oder Das Leben danach

Warum eigentlich werde ich so oft gefragt, was ich vom literarischen Nachwuchs in der Schweiz halte? Schwingt in der Frage eine gewisse Unsicherheit mit, ein Minderwertigkeitskomplex? Kein Grund nirgends, denn sicher ist: an neuen jungen Autoren mangelt es der Schweiz nicht. Das mag auch daran liegen, dass man als Autor dort ein vergleichsweise bequemes Leben führen kann – und das selbst dann, wenn man gar keine Bücher verkauft. Die Fülle von Werkbeiträgen, Förderbeiträgen und Zuschüssen gibt es andernorts in diesem Ausmass nicht.

Fördert diese Unterstützung überhaupt den Nachwuchs? Vermutlich. Wird deshalb besser geschrieben? Wahrscheinlich nicht. Während Schweizer Autoren abhängig sind vom Goodwill der Kommissionen, Jurys und Institutionen, sind die Autoren im Rest der Welt abhängig vom Goodwill der Leser. Eine Schriftstellerkollegin von mir – sie lebt in London – schreibt unter zwei verschiedenen Namen, den einen benutzt sie für die kommerziellen, den anderen für die literarischen Bücher. Nur so kann sie vom Schreiben leben. Willkommen in der Realität! Wer nicht an den Leser denkt, hat auf dem Buchmarkt keine Chance. Ausser in der Schweiz – da gilt Unlesbarkeit mitunter immer noch als Gütesiegel. Aber der Nachwuchs hat dazugelernt. Und auch wenn offiziell verpönt, so ist der Umgang mit den Medien wesentlich unverkrampfter geworden, der Pakt mit dem Teufel gar nicht so abwegig. Es ist kein Geheimnis: sich Gehör verschaffen, das ist das ureigenste Anliegen eines Schriftstellers. Vor allem aber das des Nachwuchsschriftstellers.

Als mein Verleger mich damals, als ich gerade meinen ersten Roman geschrieben hatte, fragte, ob ich zum Bachmann-Lesen nach Klagenfurt gehen wolle, zögerte ich nicht lange. Kaum ein anderer Anlass gibt dem Nachwuchs die Möglichkeit, so breitflächig auf sich aufmerksam zu machen. Die Kehrseite der Medaille: Klagenfurt ist der ultimative mediale Overkill. Gefilmt werden, während der vorgetragene Text vor laufender Kamera zerfetzt wird, ist sicherlich nichts für angeschlagene Autorenseelen. Soll sich ein Nachwuchsautor trotzdem solch gnadenloser Medienpräsenz aussetzen – oder sich doch besser in der Schreibstube verstecken? Nun, um sich verstecken zu können, muss man erst einmal im Scheinwerferlicht gestanden haben. Und nach hundert Jahren Einsamkeit fühlt sich sogar kaltes Scheinwerferlicht ganz warm an. Nichts geht über Erfahrung. Erfahrung ist Gold. Der Nachwuchs kann sich gar nicht genug der Welt aussetzen, Fehler machen, sich aus dem Fenster lehnen, die Finger verbrennen. Nach dem Motto: work hard, play hard. Was zu den Interviews und Buchsignierungen hinzukommt: Writers block. Paranoia. Schlaflose Nächte. Zu bereuen gibt es für den Nachwuchsautor nichts, selbst die längste Party endet spätestens bei Morgengrauen. Daher gilt: den Nachwuchs soll man doch bitte ausgiebig feiern und über den grünen Klee loben. Süsser Vogel Jugend verdient es allemal, zelebriert zu werden. Hype oder nicht Hype, langfristig ändert es nichts: ein Schriftsteller schreibt, und er schreibt nicht nur, wenn alle klatschen, er schreibt auch dann, wenn ihm gerade einmal niemand zuhört.

Die Medien werden immer ein besonderes Interesse am Nachwuchs haben – und warum auch nicht? Das Neue ist immer faszinierend. Ob gerechtfertigt oder nicht. Es ist unmöglich, nach ein oder zwei Büchern zu wissen, wie sich ein Autor entwickeln wird. Viele, die ich damals in Klagenfurt kennenlernte, haben danach nie wieder etwas geschrieben, einige hatten lange Pausen zwischen ihren Büchern und einer, der damals noch Pubertätspickel im Gesicht hatte (und einen schüchtern-feuchten Händedruck), ist inzwischen weltberühmt und verkauft seine Bücher in schwindelerregenden Auflagen auf dem ganzen Globus. Ob man ihn als Nachwuchs ‹hypte› oder nicht – macht rückblickend keinen Unterschied.

Vierzehn Jahre ist es her, seit ich mich selbst zum Nachwuchs zählen konnte. Möchte ich zurück? Den Erfolg so wieder erleben? Nein, danke. Und überhaupt: Was bedeutet denn Erfolg? Und an was lässt er sich messen? Ist Erfolg, wenn man einen Bestseller schreibt oder Literaturpreise bekommt oder Buchbesprechungen oder Einladungen zu Talkshows? Oder ist Erfolg, wenn man einfach weiterschreibt, komme, was wolle, und zehn Jahre später immer noch am Leben ist? Vielleicht ist Erfolg, wenn man es sich leisten kann, seine Ruhe zu haben. Wenn man einfach jemand sein kann, der schreibt. Tief einatmen, hinsetzen und weiterschreiben. Dann kann es beginnen, das Schriftstellerleben – wenn man endlich aufgehört hat, ein Nachwuchs zu sein.