Was die Redaktion sonst noch las

Richard Russo: Diese gottverdammten Träume. Übersetzt von Monika Köpfer. Köln: Dumont, 2016. Der Lack war nie wirklich dran, ist aber nun definitiv ab: Das Städtchen Empire Falls im US-amerikanischen Maine hat schon bessere Zeiten gesehen, wenn auch nicht viel bessere. Miles Ruby führt hier (mehr oder weniger unfreiwillig) seinen Empire Grill, den fossil anmutenden Nukleus […]

Richard Russo: Diese gottverdammten Träume.
Übersetzt von Monika Köpfer. Köln: Dumont, 2016.
Der Lack war nie wirklich dran, ist aber nun definitiv ab: Das Städtchen Empire Falls im US-amerikanischen Maine hat schon bessere Zeiten gesehen, wenn auch nicht viel bessere. Miles Ruby führt hier (mehr oder weniger unfreiwillig) seinen Empire Grill, den fossil anmutenden Nukleus des örtlichen Arbeiter- und Soziallebens, sofern man aufgrund der Wirtschaftslage von beidem noch sprechen kann. Man schlägt sich so durch, schlägt auch einmal zu, hilft sich, wo es geht – haut sich übers Ohr, wo nicht. Dass es nach einem gewonnenen Pulitzerpreis 15 lange Jahre und einen Präsidenten Trump brauchen würde, damit Richard Russos «Empire Falls» auf Deutsch erscheinen kann, spricht nicht unbedingt für das hiesige Zielpublikum und seine von den Verlagen laufend analysierten Präferenzen. Nun aber können auch hiesige Leserinnen und Leser endlich diesem Ausnahmeerzähler und seinen fein gezeichneten Charakteren folgen. Lehrreich, anspruchsvoll, dabei vergnüglich und Trump sei Dank auch noch hochaktuell. (MW)

Urs Peter Schneider: Schriften I bis V 1955–2015. 
Texte für als mit zur Musik. Biel: die brotsuppe, 2016.
Buch, geübt im Befolgen der «eigenen strengen regeln», 2016 vergessen, viel(-100-)seitig, von Statur (7 x 21 x 29,7 cm; 2,7 kg), durchkomponierte, anarchische Natur, sucht abenteuerlustige Leserschaft: «sin! CHEN-FIM! fem fung-fim, fam fom chung-ching!» Bin Liebhaber von Algorithmen und Listen; hasse klebrige Jasskarten und Einlullerei: «Bin mir indes der Paradoxie bewusst, wenn ich gesetzhaft Dämmriges sage.» Dem Arbeitsrausch ebenso zugetan wie dem Schwingen «in Kokosmatten fast wie in Schaukeln vom gestrigen Tun ins morgige Lassen». Gut zu Schreibblockierten («frohgemut weitermachen»), jedoch kein Romantiker («Braut / zahlen-zahlen/schauen!»). Keine NR, Abstinenzler und «schläfrige Oesen». (GS)

Paul Auster: 4 3 2 1. Übersetzt von Thomas Gunkel et al.
Reinbek: Rowohlt, 2017.
«Was wäre, wenn…?» – Das fragen wir uns alle dauernd, um immer wieder in der Spekulation zu landen. Anders ist es in «4 3 2 1». Archie Ferguson, Amerikaner jüdischer Herkunft, wächst im Newark der 1950er Jahre auf. Er ist sportlich, sprachaffin, sensibel und ausserdem die nicht weniger als vierfache Hauptfigur in Austers neuem Roman. Das Ganze kommt als vier parallel zueinander stehende Leben daher. Ein aufregendes Setting! So dick, wie der 1264-seitige Wälzer ist, so gross sind die Erwartungen. Sie bleiben unerfüllt. Zu ausführlich, zu geschwätzig ist das Buch und findet ein enttäuschend fades Ende in der Metafiktion. Dennoch: grossartig ist die beschriebene Zeitgeschichte. Und grossartig ist die Idee! (AR)