Gion Mathias Cavelty: «Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete»

Gion Mathias Cavelty:
«Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete»

 

Die meisten Ursprungsmythen haben aus heutiger Sicht etwas sehr Phantasievolles an sich: Kuh Audhumla leckt den Urvater Buri aus dem Eis, Gaia gebiert Uranos und wird von ihm gleich befruchtet, das kosmische Ei zerbricht nach 18 000 Jahren und kreiert Himmel und Erde. Spätestens seit J.R.R. Tolkien erleben solche bunten Kosmogonien eine Renaissance, der Boom von Fantasy-Literatur hält an. Doch manchmal schafft es ein Autor, jenseits aller Genrebezeichnungen und Plausibilität ein ganzes Universum neu zu ordnen. Im vorliegenden Buch mit Hilfe einer fiktiven Version des ehemaligen österreichischen Skirennfahrers und Abfahrtssiegers Franz Klammer.

Franz Klammer fährt Ski. «Schifoahn» ist sein Leben, seine Leidenschaft. Doch statt am 8. Februar 1974 an den XI. Olympischen Winterspielen – ebenfalls fiktiv – seine Abfahrt siegreich zu beenden, springt er mit einem kühnen Satz ins Jahr 33 und nach Jerusalem: «Wie ein schockgefrorener Baldramsdorfer Rieseneberbraten saust Franz auf die Heilige Stadt zu» – und landet genau auf Jesus Christus, der da gerade einzieht. Das Christentum ist somit tot, noch bevor es begonnen hat. Nur dank rascher Unterstützung des Kopfes von Johannes dem Täufer gelingt es Franz, sich aus dem Staub zu machen, und für die beiden nimmt eine faustische Odyssee quer durch die Weltgeschichte ihren Lauf.

Nach seinen Quifezit- und Andouillette-Trilogien erschafft Gion Mathias Cavelty ein weiteres Mal eine literarische Parallelwelt, wo nichts, aber auch wirklich gar nichts unmöglich ist. Auf gut 140 Seiten folgen wir den bizarren Irrfahrten des Franz Klammer durch die Zeit und über Kontinente hinweg. Das Lesetempo ist mehr als sportlich, ja es rast dahin wie Klammer einst im Haneggschuss – aber für Liebhaber des Gemächlichen ist Cavelty ohnehin nicht zu empfehlen. Stattdessen erleben wir ein Feuerwerk an Einfällen und Einwürfen, wo eine Idee die nächste jagt und es in der Erzähllogik rattert und schlägt wie in der Hausbergtraverse zu Kitzbühel.

Dies sorgt für viel Lesespass, andererseits ist die Kürze des Buches auch seine grösste Stärke. «Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete» ist weniger ein voll ausgereifter Roman als vielmehr eine längere Novelle, in der ein zentrales Ereignis weitreichende Konsequenzen hat. Cavelty-Kenner und Experimentierfreudige kommen auf jeden Fall auf ihre Kosten. Und wem wiederholte Weltuntergänge und eine Neuerschaffung des Universums nicht reichen, erhält hier auf knappstem Raum noch Verschwörungstheorien, erfundene Fakten und Olympiagold dazu.

Gion Mathias Cavelty: Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete. Zürich: lectorbooks, 2017.

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