Weihnachtsflammen

Beatrice blickte auf die milchigweissen Kunststoffplatten und fühlte sich betrogen. Die wenigen Schlittschuhläufer glitten mehr schlecht als recht über die gleichförmige Fläche, die aus Eis hätte sein sollen, und weder der Klang von «Jingle Bells» noch die bunten Lichter vermochten eine Illusion von Weihnacht zu schaffen. «Es ist nicht echt», pflichtete Alissa, dem Weinen nahe, […]

Beatrice blickte auf die milchigweissen Kunststoffplatten und fühlte sich betrogen. Die wenigen Schlittschuhläufer glitten mehr schlecht als recht über die gleichförmige Fläche, die aus Eis hätte sein sollen, und weder der Klang von «Jingle Bells» noch die bunten Lichter vermochten eine Illusion von Weihnacht zu schaffen.

«Es ist nicht echt», pflichtete Alissa, dem Weinen nahe, ihren Gedanken gleichsam bei.

«Das stand nicht im Werbeprospekt», entschuldigte sie sich und streichelte der Tochter über das Haar. Und fügte in einem ungeschickten Versuch, optimistisch zu sein, hinzu: «Vielleicht macht es trotzdem Spass.»

Federico hatte sich inzwischen auf eine entfernte Bank gesetzt und blickte von dort feindselig zu Mutter und Schwester, als wollte er sagen: «Da setze ich keinen Fuss drauf.»

Wie oft hatten Alissa und Federico gebettelt, in die richtige, den ganzen Winter über geöffnete, aber weit vom Stadtzentrum entfernte Eishalle Schlittschuh laufen zu gehen. Sei es aus Faulheit, sei es, weil es immer irgendeine dringende Verpflichtung gegeben hatte, oder vielleicht auch wegen der Befürchtung, sie könnten sich verletzen, Beatrice hatte es stets auf später verschoben. Dann war ihr der Werbeprospekt in die Finger gekommen, in dem die Eröffnung der Weihnachtseisbahn auf dem Hauptplatz der Stadt angekündigt wurde, und sie hatte sich gedacht, dass sie so ihren Kindern eine Freude machen und zugleich deren erstes Treffen mit Maurizio organisieren konnte. Die Kinder würden sich so sehr über das Schlittschuhlaufen freuen, dass sie auch ihn in ihre Fröhlichkeit einbeziehen würden, und für ihn war es bestimmt einfacher, in Festtagsatmosphäre in die Familie eingeführt zu werden.

Beatrice überzeugte Alissa, die am Kiosk gemieteten merkwürdigen Schlittschuhe mit den kleinen Rädchen anzuziehen. Sie liessen Federico, der nicht zu überzeugen war, auf der Bank zurück und betraten die Bahn.

«Vielleicht», dachte Beatrice, «ist es auch wegen des Treffens mit Maurizio, dass er nicht von der Bank weg will.»

Mit der ganzen dürftigen Leichtigkeit, die sie aufbieten konnte, fuhr sie los. Nach ein paar Schlittschuhschritten drehte sie sich zu ihrer Tochter um, die sich keinen Millimeter bewegt hatte.

«Los, Schwung in die Beine, Alissa!», feuerte sie sie an.

«Ich kann das nicht, Mamma», protestierte Alissa.

Aber als Beatrice eine professionelle Eiskunstläuferin mimte, mit den Händen kreiste und unbeholfen eine Drehung improvisierte, musste Alissa lachen und folgte ihr.

Sie fuhren die Runde fertig, und da stand Maurizio am Geländer, die Ellenbogen aufgestützt, und schaute ihnen zu, mit dem schalkhaften Blick und den langen Wimpern, die Beatrice gleich geliebt hatte.

«Ich muss Ihnen ein Kompliment machen», sagte er, «fast schon olympiareif.» Dann betrat er die Bahn und drehte zwischen steifen, ungeschickten Eisläufern eine perfekte Runde, wobei er wie ein echter Profi in den Kurven den einen Fuss vor den anderen setzte.

Alissa war sofort hingerissen. Sie wollte lernen, wie man das machte. Es war ihr kaum anzumerken, dass er für sie bis vor einem Augenblick ein Unbekannter gewesen war. Federico auf seiner Bank hingegen blickte finsterer denn je in ihre Richtung. Beatrice hatte schon vorausgesehen, dass es nicht einfach sein würde. Mit den Schlittschuhen an den Füssen trippelte sie zu ihm und setzte sich.

«Ich will nach Hause», sagte er, den Blick auf Maurizio und Alissa geheftet, die sich gemeinsam im Kurvenfahren übten.

Beatrice seufzte. Sie blickte in seine glänzenden Augen, unterdrückte das plötzliche Verlangen, nachzugeben und nach Hause zu gehen, nur um ihren Sohn wieder lächeln zu sehen, und bemerkte: «Ich weiss, dass es schwierig ist. Das ist es auch für mich.»

So blieben sie sitzen, nebeneinander, ohne sich anzusehen, je die stille Anwesenheit des anderen fühlend, bis Alissa und Maurizio ihre Schlittschuhe zurückgaben und zu ihnen kamen.

«Kaufen wir ein Eis?», fragte Alissa.

Beatrice wollte gerade einwenden, dass das Klima nicht gerade dafür spreche, aber Maurizio kam ihr zuvor: «Superidee. Bei dieser Hitze…»

Er gab alles, stellte sie fest. Es war beinahe rührend zu sehen, wie er sich bemühte, dem misslaunigen Jungen, der ihr Sohn war, sympathisch zu erscheinen. Und vor lauter ungezwungener Sympathie gelang es ihm schliesslich, Federico ein Lächeln zu entlocken.

Zwei Kugeln Eis mit Schlagsahne: eine etwas unlautere Art, die Sympathie der Kinder zu gewinnen, aber die Zahl seiner Waffen war schliesslich nicht unbeschränkt. Danach gingen sie zu den Aquarien im dritten Stock eines grossen Kaufhauses. Sie pressten ihre Nasen an die Scheiben, um zu sehen, wie die Fische darauf reagierten, klopften an die Kästen, damit sie flohen. Jeder wählte einen Lieblingsfisch. Maurizio brachte die Kinder mit der Bemerkung zum Träumen, auch sie würden früher oder später in einem Meer baden, in dem man mit der Tauchermaske solche bunten Fische sehen können würde.

«Der da sieht aus wie Nemo», sagte Federico und zeigte auf einen Clownfisch. In seiner Stimme war keine Spur von Widerwille mehr.

Da dachte Beatrice, dass sie es schaffen würden, und wagte es sogar, sich einen Alltag gemeinsam zu viert vorzustellen. Es waren zwei so anstrengende Jahre gewesen: das Ende der Ehe, gewürzt mit Streit und Schlägen unter die Gürtellinie, Alissas Traurigkeit und Federicos Wut, die auf verschlungenen Wegen zum Ausdruck kamen. Federico war despotisch geworden, dirigierte seine Freunde herum und fand sich oft allein wieder, Alissa greinte wegen jeder Kleinigkeit. Und es war so schwierig, nicht jeden Ausbruch, jede Träne auf die Trennung zurückzuführen.

Sie hatte Maurizio auf denkbar unwahrscheinliche Weise kennengelernt, genau so, wie es allgemein als aussichtslos bezeichnet wurde. Ein befreundetes Paar hatte sie beide, als die Kinder einmal beim Vater waren, zusammen zum Abendessen eingeladen, in einem peinlichen Versuch, sie je ihrer Einsamkeit zu entreissen. Allen Erwartungen zum Trotz hatte es funktioniert.

Als sie aus dem Kaufhaus kamen, war es schon dunkel. Unter der Weihnachtsbeleuchtung bogen sie in eine schmale Fussgängerstrasse Richtung Hauptplatz ein, wo sie sich trennen wollten. Federico hatte nicht mehr gesagt, er wolle nach Hause, es war Alissa gewesen, die müde war.

In dem Moment, als sie aus der Gasse kamen und sich dem Rathaus gegenüber befanden, sah Beatrice Flammen, die in den dunklen Himmel aufstiegen.

«Was ist das für ein Feuer?», sagte sie eher zu sich selbst.

«Welches Feuer?», fragte Alissa und zog sie am Jackenärmel. Die Kinder konnten es noch nicht sehen, weil ihnen eine Touristengruppe die Sicht versperrte.

«Lasst uns nachsehen», schlug Maurizio vor. «Es wird ein Weihnachtsfeuer sein.»

Sie machten ein paar Schritte. Unwillkürlich hob Beatrice die Hand vor den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken: In den Flammen war jemand. Mitten in der glühenden Masse verbrannte, reglos dasitzend, ein Mann oder eine Frau.

«Was ist das, ein Zaubertrick?», fragte Beatrice, ohne dass sie sich bewusst war, was sie sagte, und packte Maurizio am Arm.

Dann hörte man Rufe: «Wasser! Schnell, Wasser!»

Beatrice blinzelte ungläubig. Wie war es möglich, dass diese Person sich nicht bewegte, nicht schrie? Sie zog die Kinder an sich heran und hielt ihnen die Augen zu, damit sie die grauenvolle Szene nicht sahen, aber Federico konnte sich entwinden.

Endlich schüttete jemand Wasser aus einer Flasche oder einem Behälter in das Feuer, doch die Flammen wurden nicht kleiner. Als man sie endlich gebändigt hatte, war vom Körper nicht mehr übrig als eine verkohlte Gestalt am Boden.

Bald mischten sich die näherkommenden Sirenen von Feuerwehr und Krankenwagen in die kalte Luft. Polizisten bedeuteten den Umstehenden mit Gesten und Rufen, zurückzutreten und die Notfallfahrzeuge durchzulassen. Beatrice konnte ihren Blick nicht von dem schwarzen Klumpen abwenden, den sie wenige Augenblicke zuvor noch hatte brennen sehen.

«Gehen wir», sagte Maurizio und stupfte sie am Arm. Erst da konnte sie sich losreissen, sie hielt ihre Kinder fest an den Händen und bog in die Lauben einer Strasse ein.

Hinter Maurizio betraten sie eine Bar und setzten sich an den erstbesten freien Tisch. Er bestellte zwei Gläser Grappa.

«Wer war das?», fragte Federico.

«Ich weiss es nicht, mein Schatz», antwortete Beatrice. «Vielleicht hat ein Strassenkünstler einen Unfall gehabt, beim Jonglieren mit Fackeln oder so.» Aber als sie diese Worte aussprach, hörte sie, wie falsch sie klangen. Sie wusste, dass kein Jongleur, der plötzlich von Flammen erfasst wird, reglos sitzen bleiben würde. Jeder hätte mit den Armen gefuchtelt, geschrien. Sie rang sich ein Lächeln ab, um den Sohn und auch sich selbst zu trösten. «Es war sicher ein Unfall.»

Obwohl sie Grappa verabscheute, stürzte sie den Schnaps hinunter, er brannte im Magen, sie fühlte, dass ihr Herz langsam ruhiger wurde.

«Es ist vorbei», seufzte sie schliesslich und nahm Alissas Hand. «Was für ein Pech, dieser Jongleur! Deshalb sage ich immer, dass Feuer gefährlich ist.»

Maurizio versuchte alle abzulenken und erzählte von einem Feuerschlucker, der meterlange Flammen spie, von einem Tiger, der durch einen Flammenring sprang. Dann redeten sie über Zirkusse und Seiltänzer, und als die grauenvolle Szene etwas in den Hintergrund gerückt zu sein schien, konnten sie die Bar verlassen und sich wirklich voneinander verabschieden.

Beatrice sah Maurizio in die Augen: Sie hätte ihn gern geküsst, die Flammen vergessen. Stattdessen verabschiedeten sie sich mit Worten, mit kalten Floskeln, aber bevor sie auseinandergingen, berührte Beatrice auf einmal ihren Hals und merkte, dass sie kein Halstuch mehr trug. Es musste in der Bar geblieben sein, vielleicht war es von der Stuhllehne gerutscht.

«Ich bin gleich wieder da», sagte sie.

Als sie das Lokal betrat, redete ein Mann am Tresen aufgeregt in einem Gemisch aus Italienisch und Dialekt.

«Der hat sich selbst angezündet, glaub mir», beharrte er, zum Mann auf dem Hocker neben ihm gewandt. «Ich stand daneben, aber es ist so schnell gegangen…» Er räusperte sich. «Er hat ein Schild an die Rathaustür gestellt, hat sich ein paar Schritte weiter an eine menschenleere Stelle gesetzt und das Feuerzeug hervorgeholt… Auf dem Schild stand: ‹VON UNGERECHTIGKEIT LEBEN HEISST JEDEN TAG STERBEN.›»

Beatrice sah unter dem Stuhl, auf dem sie eben noch gesessen hatte, das blaue Halstuch und hob es auf. Im Hinausgehen empfand sie die kalte Abendluft als viel schneidender als zuvor. Sie verabschiedete sich von Maurizio, ging mit den Kindern nach Hause, bereitete das Abendessen zu, brachte sie zu Bett, und die ganze Zeit über hallte in ihr der Satz Von Ungerechtigkeit leben heisst jeden Tag sterben nach.

Diese Worte, die ein Fremder am Ende eines Nachmittags hinterlassen hatte, der für sie ein Neuanfang gewesen war, sollten ihr künftiges Leben prägen, auch wenn sie sich in diesem Moment noch nicht vorstellen konnte, wie.


Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Sauser.


Bérénice Capatti
ist Lektorin und Übersetzerin von Büchern für Kinder und Erwachsene. Sie hat bisher einen Jugendroman und zwei Bilderbücher veröffentlicht (eines davon, «Ich stelle euch Klimt vor», erschien 2005 auf Deutsch). Gegenwärtig schreibt sie, unterstützt durch einen Werkbeitrag der Pro Helvetia, an einem Roman für Erwachsene. Sie ist italienisch-französischer Herkunft und lebt in Lugano.