Editorial

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Liebe Leserinnen und Leser

Vor genau einem Jahr setzten wir uns an dieser Stelle mit dem urbanen Raum, der in der Schweiz sogenannten «Agglo», auseinander. Damals versuchten wir herauszufinden, was einen literarischen Raum auszeichnet, in dieser Ausgabe gehen wir nun einen Schritt weiter: wir reisten nach Olten. In der nun selbsternannten «LiteraTour-Stadt» wurde in diesem Jahr nämlich feierlich der «Schweizer Schriftstellerweg» eröffnet.

Ein «Schweizer Schriftstellerweg»? Stadtmarketing mit Autoren? Wir leben in phantastischen Zeiten, wenn die Literatur den Wirtschaftsstandort, zumal einer ehedem von Schwerindustrie geprägten Stadt, die sich heute auf Kongresse spezialisiert, stärken soll. Grund aber auch, das Ganze zu hinterfragen, haben wir uns gedacht, und uns mit unseren Autorinnen und Autoren dieses «neue» Olten etwas genauer angesehen. Die Beobachtungen aus dem Einzugsgebiet von Kilometer 0 finden Sie ab S. 6.

Gründe zum Feiern gibt es im Schweizer Literaturbetrieb auch jenseits der «Eisenbahnerstadt» – und zwar ständig. Ein unglaubliches Dickicht an Literaturpreisen und Anerkennungen ist dem Land eigen und sorgt längst für ein unüberschaubares Reservoir «ausgezeichneter» Schriftsteller. Was Geld- und Prestigesegen für die bedachten Autorinnen und Autoren ist, ist dabei nicht selten Fluch für Leser und die Preise selbst: erstere wissen oft nicht einmal, was der Unterschied zwischen den renommierten Schweizer Literatur- und Buchpreisen ist, letzteren gelingt es immer seltener, ihr eigenes Profil in der Masse von Auszeichnungen überhaupt zu kommunizieren. Unsere Zusammenarbeit mit dem Gottfried Keller-Preis der Martin Bodmer-Stiftung (ab S. 28) soll das ändern: einerseits wollen wir das unabhängige und qualitätsorientierte Fördern ausgezeichneter Literatur würdigen, andererseits aber auch das aussergewöhnliche Schaffen der ausgezeichneten Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Sie lesen richtig: es geht nicht um einen Preisträger (wie beim Buchpreis), auch nicht um sieben (wie beim Literaturpreis). Es sind ganze 19. Aber keine Angst: nur, wenn man wirklich ganz genau hinschaut.

Ich wünsche Ihnen frohe, entdeckungsreiche Lektüre!

Michael Wiederstein

 

In eigener Sache: Mit dieser Ausgabe verabschieden wir unseren Mitarbeiter Florian Oegerli, der das Magazin in den letzten Jahren in besonderer Weise mitgeprägt hat. Zunächst muss er den Zivildienst nachholen, dann widmet er sich seiner Schriftstellerkarriere unter Pseudonym. Florian, hab Dank für deine Mitarbeit. Und Adam: Viel Erfolg!