Beschreiben statt Urteilen

Spätestens seit er 2011 den Schweizer Buchpreis erhalten hat, dürfte Catalin Florescu den meisten Lesern bekannt sein. 2016 erscheint sein nächster Roman. Im Interview verrät er uns schon einmal, worum es darin gehen wird.

Beschreiben statt Urteilen
(c) Lesepfad MV, 2012.

Lieber Catalin, für deinen letzten Roman «Jacob beschliesst zu lieben» hast du 2011 den Schweizer Buchpreis erhalten. Seither arbeitest du am Roman «Der Mann, der das Glück bringt», der 2016 erscheinen soll und dem wir uns in diesem Interview anzunähern versuchen. Beginnen wir einmal ganz allgemein: Empfindest du es nach dem Erfolg mit «Jacob» als schwerer, ein neues Buch zu schreiben?

Bestimmt wird mancher Leser den neuen Stoff mit «Jacob beschliesst zu lieben» vergleichen. «Jacob» hatte das Glück, einen besonders wichtigen Preis zu erhalten, einen der wenigen, dessen Einfluss man direkt spürt, beim Verkauf. Ich bin aber seit fünfzehn Jahren, seit meinem Erstling «Wunderzeit», gewohnt, die literarische Höhe halten zu wollen und zu müssen. Schon früher wurde über mich und meine Bücher geschrieben, hatten Menschen diese oder jene Meinung und teilten sie mir manchmal in den unmöglichsten Augenblicken mit. Ausser beim allerersten Buch – das man noch in aller Freiheit und Unbeeindrucktheit schreiben darf – ist man ziemlich unabgeschirmt. Es ist die ewige Geschichte: Man ist auf Öffentlichkeit angewiesen, sonst tut sich wenig, aber anderseits braucht man auch Ruhe, Rückzug, Übersicht, Schutz. Das ist die wahre Herausforderung: Sein Werk im Auge zu behalten, seine innere Stimme wahrzunehmen, die einen in Richtung eines neuen Stoffes lenkt. Für diesen Stoff ein guter Resonanzraum zu werden. Für den neuen Roman liess ich mir fünf Jahre Zeit, weil der Stoff diese Zeitspanne brauchte, um zu wachsen. 

In den letzten Jahren gab es in den Medien einige Hinweise zu deinem Roman. Er spielt im rumänischen Donaudelta, aus dem eine Frau in den 30er Jahren nach New York flieht. Aber auch ein amerikanischer Kleinkünstler soll eine grosse Rolle spielen. Und angeblich wird 9/11 ebenso aufgearbeitet wie New Yorks Immigrationsgeschichte und der Tod Ceaușescus. Stimmt diese Zusammenfassung noch?

Das muss eine sehr frühe Fassung gewesen sein, die ich erzählte. Aber daran kann man beobachten, wie ein Stoff sich entwickelt, atmet, sich holt, was er braucht, und alles andere wieder löscht. Es waren wohl die ersten imaginativen Gehversuche, als ich herausfinden wollte, wie die einzelnen Elemente zusammenpassten. 

Wie passen sie denn heute, kurz vor der Veröffentlichung, zusammen?

Keine Frau flieht mehr nach New York, obwohl der unerfüllte Wunsch einer jungen Frau aus dem Donaudelta, dorthin zu kommen, viele Jahrzehnte später ihre Tochter Elena in diese über alle Massen mystifizierte Stadt bringen wird. Auch Ceaușescu hat keinen Platz mehr darin, ausser höchstens in Form des sadistischen kommunistischen Geists, der Elenas Mutter – die unheilbar erkrankt ist – die Tochter wegnimmt. Damit wäre schon ein Erzählstrang angetippt: der rumänische. Wobei das Donaudelta – wo Elenas Mutter lebt – ein faszinierender und archaischer Raum ist, der für sich selbst steht. Das Delta bildet mit seinen eigenen Gesetzen des Lebens und Überlebens eine eigene Kategorie, ganz so wie der grosse Antipode…

…etwa doch noch New York?

Genau. Dort, in Manhattan, am anderen Ende der Welt, lebt Ray. Auch er hat einen Wunsch: stellvertretend für seinen Grossvater, der fast hundert Jahre früher ein berühmter Sänger werden wollte, lebt Ray das Leben eines Entertainers. Leider ohne grossen Erfolg. Ray und Elena, diese zwei «kleinen» Menschen, lernen sich 2001 kennen und bleiben für die Dauer einer Nacht – nach einem für alle dramatischen Tag – zusammen. Sie verstecken sich im Bauch eines Kellertheaters. Durch die Erzählungen der beiden taucht der Leser in die Welt von Rays Grossvater um 1900 und jene von Elenas Mutter ein. Die beiden finden erzählend zueinander.

Für die Recherche hast du viel Zeit in Amerika verbracht, vor allem in New York. Wie hast du das Land erlebt?

New York ist nicht der Rest des Landes. So sehen es sogar die Amerikaner selbst. Der Süden und der Mittlere Westen der Vereinigten Staaten lassen sich nicht mit dieser Megalopolis vergleichen. New York scheint uns allen zu gehören, der Welt. Schon vor hundert Jahren war sie für Millionen von Emigranten das Tor zum Kontinent und sie ist es immer noch für all jene, die ihren Versprechungen weiterhin erliegen. Oft genug bleiben sie nur Versprechungen und die Menschen nur Fussvolk unter den sie ignorierenden, kalten Stahlmonstern.

Das klingt, als wolltest du den «amerikanischen Traum» ein weiteres Mal dekonstruieren?

Wie kaum eine andere Stadt hat New York es geschafft, zur Fata Morgana zu werden. Die Leute arbeiten sehr hart und lange, oft ohne Sozialversicherungen. Sie schlafen dicht gedrängt in winzigen, überteuerten Wohnungen – die meisten können sich kaum eine eigene Wohnung in Manhattan leisten und sind in weit weniger fotogene Gegenden umgezogen, nach New Jersey oder nach Brooklyn. Ich habe eine grosse Nähe und Faszination für diese Stadt entwickelt. Nicht aber wegen ihrer Falschheit, sondern wegen der vielen Lebensdramen, die sich dort seit ihrer Gründung abgespielt haben und die einem in den Archiven auf Schritt und Tritt begegnen. Manche wurden unermesslich reich und stellten es schamlos zur Schau – die prächtigen Paläste an der Fifth Avenue zeugen beispielhaft davon –, die meisten aber noch ärmer, als sie es schon waren.

Wie kommt es, dass New York sein positiv besetztes Image trotzdem bis heute bewahren konnte? Im Geiste ist New York doch weiterhin die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, die, die «niemals schläft». So nimmt sich New York selbst wahr, so nehmen viele Künstler vom Schriftsteller bis zum Rapper sie wahr.  

Im Geiste ist New York vor allem das, wofür die Stadt vor 400 Jahren gegründet worden war: eine Handelskolonie. Business ist alles. In New York gibt es bei aller Vielfalt denn auch eine gewisse Uniformität: alle sind eilig unterwegs, beschäftigt mit ihren Egoprojekten. Alles ist verplant, eine oder anderthalb Stunden müssen reichen für eine Begegnung. Ich habe es tatsächlich nicht geschafft, irgendjemanden zweimal zu treffen – und das bestimmt nicht, weil ich ein langweiliger Gesprächspartner bin.

Wie nah sind sich Amerikaner und Europäer eigentlich heutzutage?

Aus der Ferne scheinen die Amerikaner uns Europäern näherzustehen, als sie das tatsächlich tun. Aus der Nähe betrachtet, wirken sie eher wie sehr entfernte Cousins. In ihrer Frömmigkeit, dem Militarismus, dem aufgeblähten Individualismus, dem schwachen Staat, den vielfach vernachlässigten Städten und ihrer Infrastruktur, der Waffengläubigkeit, der enormen sozialen Ungleichheit finde ich mich nicht wieder. Bevor ich jetzt aber wie ein radikaler Amerikakritiker wirke, muss ich zugeben, dass die Liste der amerikanischen Dinge, die ich nicht missen möchte, ebenso lang ist.

Davon lesen wir dann hoffentlich in deinem neuen Buch. Wie hast du dafür vor Ort recherchiert? In welche Archive bist du eingetaucht?

Zwei Museen verdanke ich ausserdem eine riesige Materialfülle: dem Radio- und Fernsehmuseum, mit einem riesigen Archiv aus den Fünfzigern, dem goldenen Zeitalter des Fernsehens. Und ebenso dem Museum über das Immigranten-Ghetto an der East Side. Es waren aber nicht nur mehrere Reisen nach Amerika notwendig, sondern auch ins rumänische Donaudelta. Dort erfährt man, wie der Mensch gelernt hat, mit der übermächtigen Natur zu koexistieren. Wie dieser Raum, der auf den ersten Blick sehr statisch scheint, sich dauernd erneuert und verändert. Ein Ökosystem aus abertausenden Vogel-, Fisch- und Pflanzenarten. Der grosse, krude Überlebenskampf. In New York habe ich viel Zeit auf den Strassen verbracht, um ihre Topologie kennenzulernen. Um zum Beispiel zu verstehen, wie am 11. September 2001 die Fluchtwege vom Anschlagsort weg aussahen. Oder um zu entscheiden, welche Gegenden ich als Schauplätze meiner Handlung wählen sollte. Und weil ich die Stadt von heute, aber ebenso jene von 1900 beschreibe, musste ich die vergangenen Schatten zu erahnen versuchen.

Wie viele Reste des 1900er Jugendstil-und-Art-déco-New-Yorks kann man denn in der Stadt noch finden?

Tatsächlich sind davon oft nur noch die Schatten übriggeblieben, denn New York baut unentwegt Neues auf und reisst es wieder ab. Der Raum ist knapp und teuer, die Bulldozer sind schneller, als man etwas unter Schutz stellen kann. Wenn die Touristen heute durch das farbige, lebendige Greenwich Village spazieren können, dann nur, weil sich die Bewohner in den Sechzigern zur Wehr gesetzt haben, als man auch dieser Ecke der Stadt ein Korsett aus Hochbahnen verpassen wollte. Das galt seit den Fünfzigern als modern und notwendig, um die Massen, die ein Häuschen an der Peripherie besassen, morgens zur Arbeit in die Stadt zu bringen und abends wieder hinaus. Viele gut funktionierende Quartiergemeinschaften sind auf diese Weise zerstört worden. Um die Zwillingstürme zu bauen, riss man 1966 einen ganzen Teil eines Geschäftsviertels ab, die Radio Row. Es gibt Bilder, auf denen kleine Ladenbesitzer ohnmächtig zuschauen, wie die Fundamente der Türme ausgehoben werden.

Joseph Mitchell und andere – die berühmtesten Reporter New Yorks – berichteten zeit ihres Lebens über den immerwährenden Wandel der Stadt. Deine Einlassungen erinnern ausserdem an John Dos Passos’ grossen New-York-Roman «Manhattan Transfer». Die Immigrations-, Auf- und Umbaugeschichten des Big Apple sind aber eher vergangene Kapitel. Weshalb hast du dich trotzdem für diesen Stoff entschieden?

Dieser Roman ist sehr aktuell, denn jeder Stoff, der von unserer Existenz spricht, spricht auch von heute. Die Emigration geht nie zu Ende. Ich beschreibe nur eine Variante einer ewigen Woge. Um 1850 gab es Hunderttausende von hungrigen Iren und – etwas weniger hungrigen – Deutschen, die nach Amerika zogen. Es folgten arme und hungrige Italiener, verfolgte galizische Juden, danach Chinesen, Hispanos usw. bis in die Gegenwart. Heute fahren vor allem viele Europäer hin – nicht weil sie hungern, sondern um sich selbst zu verwirklichen. Die Geschichte ist nie zu Ende, sie lebt mit uns und durch uns weiter.

Können wir also aus der Vergangenheit lernen, wie wir in der Gegenwart mit den vielen Menschen umgehen können, die bei uns in Europa Zuflucht suchen?

Menschliches Schicksal kennt keine Kategorien wie «Vergangenheit», «aktuell», «veraltet», «modern», «neu». Jetzt brandet eine Auswanderungswelle an die Ufer Europas, so wie vor hundert Jahren eine aus Europa an die amerikanischen Ufer. Wenn man die damaligen Zeitungen liest, selbst die «New York Times», wird einem übel davon, wie die Emigranten empfangen wurden. Ich erinnere mich an eine Schlagzeile: «Europa erbricht». Im Sinne von: und das Erbrochene landet in Amerika. Auch heute gibt es dieses üble menschenverachtende Gedankengut immer noch – diesmal hier bei uns. Wenn man den Neuangekommenen eine Chance gibt und die passenden Instrumente – das lehrt die amerikanische Erfahrung –, dann werden die meisten von ihnen alles tun, um ihren Platz im neuen Zuhause zu finden.

Wie genau lief das im historischen New York ab, was genau könnte man hierzulande lernen?

In New York wurde die erste Emigrantengeneration oft geopfert, aber schon die nächste entkam dem Ghetto. Das alles braucht Zeit und echtes Interesse vonseiten der Gesellschaft und des Staates. Nicht gleichgültige Toleranz ist vonnöten, sondern partizipative Multikulturalität. Das heisst, dass auch die Minderheit nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten hat. Es braucht eine Politik, die das einfordert und unterstützt, ohne populistisch zu sein. Vielleicht auch ein Integrationsvertrag, so wie es in Schweden üblich ist. Leider zeigen die jüngsten Wahlen wieder einmal, dass hier auch ein Populismus zu Hause ist, der genau das nicht mag: Entspanntheit und Pragmatismus.

Wer sich deine bisherigen Werke ansieht, merkt, dass die Themen Herkunft und Identität darin zentral sind. Hat das mit deiner rumänischen Herkunft zu tun?

Ist das nicht allgemein die Schöpfungsquelle der Kunst? Die einen beschäftigen sich mit dem Dorf, wo sie aufgewachsen sind, die anderen – z.B. die ostdeutschen Autoren – mit einem Staat oder einer Kultur, die ihr Lebensgefühl geprägt haben. Und manche erzählen eine globalere Geschichte. Aber: Herkunft und Identität sind die basalen Elemente jeder Literatur, die diesen Namen verdient. Sonst könnten wir alle nur noch schwedische Krimis und Fantasy-Romane schreiben.

Du magst es trotzdem nicht, gefragt zu werden, woher du kommst. Warum?

Man soll es nicht glauben, aber manchmal erzähle ich sogar freiwillig davon. Oft bin ich aber einfach müde. Es lenkt zu sehr ab von der Kraft der Literatur, die keine Nationalität kennt. Wer nicht hier geboren wurde, spürt oft eine Differenz zwischen sich und den anderen. Heimat ist dort, wo diese Differenz minimal ist, wo man ein Gleicher unter Gleichen sein kann und wo man nicht dauernd auf der Lauer sein muss. Dieses Recht auf Ruhe und Entspanntheit fordere ich auch für mich ein. Das Diktat der Schlagzeile, des knappen Platzes, der eindeutigen Aussage zwingt Journalisten oft dazu, grosse Vereinfacher zu sein. Das kreative, freie Schreiben ist das Gegenteil von alldem. Gute Literatur bedeutet Vielschichtigkeit und Uneindeutigkeit. Beschreiben statt Urteilen, Einfühlen anstatt kühler Berichterstattung.

Die Vorstellung einer homogenen Literatur, einer amerikanischen, deutschen, Schweizer Literatur, findest du überholt. 2015 hast du vorgeschlagen, den Begriff durch «Literaturen» zu ersetzen. Sind wir dabei, uns immer mehr vom Konzept der «Nationalliteratur» zu lösen?

Ich war mit meinem Urteil wohl etwas übereilt. Eine Literatur von «eindeutig Einheimischen» über Themen, die anderen Einheimischen besonders nah sind, wird es noch lange geben. Aber schon seit einer Weile hat sich im deutschsprachigen Raum eine zweite Literatur etabliert, jene der Eingewanderten. Möglicherwiese schreiben sie über ihre exotische Heimat oder über dasselbe Dorf oder Tal wie der einheimische Autor. Und der einheimische Autor wird vielleicht irgendwann in seinem Leben auswandern und über fremde Welten schreiben. Nichts ist mehr eindeutig, alles vieldeutig. Die Welt ist in Bewegung geraten. Das gleiche gilt für die Kulturen und die Biographien der Künstler…

…Oder eher für die allermeisten heutigen Biographien!

Genau. Aber dass die Nationalisten – auch oder gerade in der Schweiz – sich gerne eine statische, ewigwährende Kultur vorstellen, wissen wir. Aber die Welt hält sich nicht an ihre Vorstellungen. Innerhalb einer Kultur besitzen allerdings noch mehrheitlich diejenigen Kritiker die Deutungshoheit, die in dieser Kultur geboren wurden. Sie beherrschen den Diskurs über Zentrum und Peripherie in der Literatur. Künstler, Autoren wie ich verkörpern aber einen guten Teil unserer modernen Welt. Ich plädiere dafür, dass wir die statischen Begriffe zugunsten einer Netzwerkvorstellung darüber fallenlassen, was Kultur, Biographie, Identität und Literatur in unserer Zeit sind.


Catalin Dorian Florescu
geboren 1967 in Timisoara, Rumänien, wohnt seit seiner Flucht in den Westen 1982 in der Schweiz. Sein letzter Roman «Jacob beschliesst zu lieben» (München: Beck, 2011) wurde mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. 2016 erscheint sein neuer Roman «Der Mann, der das Glück bringt». Catalin Dorian Florescu lebt in Zürich.