Erbauung und Mieder

Erbauung und Mieder

Ruth Loosli: Hungrige Tastatur.

 

Lyrik geht aufs Ganze. Sie kann auf wenigen Zeilen genauso die Welt vermessen wie das kaum mehr sichtbare Detail beleuchten. Auch in Ruth Looslis aktuellem Gedichtband «Hungrige Tastatur» mangelt es weder an grossen Gesten noch an der Aufmerksamkeit für kleinste Regungen des Daseins. Immer enthält das eine das andere. Wie das funktioniert? Vor allem über ein zentrales Prinzip, jenes der Verwandlung. Wer, wie ein Poem verrät, die Liebe zu einem vernünftigen Modus umfunktionieren will oder die Nacht in einem grünen Kleid wahrnimmt, bemerkt «die Verpuppung / Man kann sich schlecht organisieren / und den Träumen Einhalt gebieten.» Letzteren lässt die 1959 in Aarberg geborene Lyrikerin somit freien Lauf und zeigt anschaulich, dass allen voran die Poesie dazu in der Lage ist, die Realität mit wenigen Bildern neu zu formen.

Ausgehend vom kulturkritischen Bewusstsein à la «Ich könnte ertrinken / in meiner Zeit», beschwört die Autorin ein Verständnis poetischen Schreibens herauf, das im Zeichen der klassischen Erbauungslyrik steht. Poesie begegnet uns als Trost- und Hoffnungsspender. Bereits der erste Text des Bandes nimmt das Programm vorweg: «Schreibe für mich, weil ich mich retten will. / Schreibe für die Welt, weil ich sie retten will. / Schreibe für Gott, weil ich ihn retten will.» Loosli hat dabei die politischen Grossbaustellen unserer Zeit vor Augen. Ob Klimawandel oder das leidvolle Schicksal der Geflüchteten – die Schriftstellerin spart nicht an ethischen Appellen. Und als könnte die Poesie die Wirklichkeit tatsächlich verändern, gibt sich ihr Textsubjekt immer wieder in der Pose des Bewegers und Verkünders, wie er in der Tradition der Dichterpriester – von Hölderlin bis Celan – angelegt ist.

In diesem auratischen Habitus kommt jedoch auch die deutliche Schwäche der Gedichte zum Tragen. Verse wie «Ich versuche weiter zu atmen / Himmel und Erde zu beatmen» triefen nur so vor aufgesetztem Pathos, das sich nicht selten mit Kitsch und abgehalfterten Metaphern verbindet. Und während auf der einen Seite der hohe Ton vorherrscht, driftet man andernorts oftmals in seichte, beinah geschwätzartige Lagen ab. Zum Beispiel bei der Schilderung eines erneut aufkommenden Nebels. Auf «Da ist er schon wieder» reimt sich «und schaut Frau Bieder // ins Mieder». Und wo bleibt der Flieder und Sieder in diesem Ringelreih?

Es ist die stilistische Disbalance zwischen Weltanklage, poetischer Vision, Alltagsbeobachtung und dieser Art Humor, die «Hungrige Tastatur» etwas unausgegoren erscheinen lässt. Dennoch sei nicht von dem Band abgeraten. Neben so manchem Unrat finden sich stets berührende und existenzielle Momente – etwa wenn das Du in der Wand die notwendige Lücke für die Vertiefung einer gemeinsamen Liebe entdeckt oder ein Ich seine Wesensveränderung im Spiegel ausmacht. An diese Texte muss man sich halten und beim Rest Milde walten lassen.


Ruth Loosli: Hungrige Tastatur.
Frauenfeld: Waldgut-Verlag, 2019.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»