Weltkunst und Marginalien

Paul Nizon / Peter Bachmann: Ein Schreibtisch in Montparnasse. Ein Gespräch. Göttingen: Wallstein, 2011.

«Stellen Sie Ihren Schreibtisch in eine Ecke, und wann immer Sie sich ans Schreiben machen, halten Sie sich vor Augen, warum er nicht in der Mitte des Zimmers steht. Das Leben ist kein Stützgerüst für die Kunst. Es ist andersherum», schreibt Steven King in seinem gleichnamigen Buch über «Das Leben und das Schreiben». Paul Nizons Schreibtisch dagegen steht in Montparnasse, dem künstlerischen Zentrum von Paris – mitten im kulturellen Leben. Nizon hat Paris als Lebensmittelpunkt gewählt, weil er hoffte, es würde ihn so lange mit Impressionen überfluten, bis die Worte aus ihm heraussprudelten wie das Wasser aus den gurgelnden Rinnsteinen seiner Kindheit. Denn das ist die Idee – sich das Leben anzueignen, es zu entdecken durch Sprache, sich selbst und die Wirklichkeit mit Worten erst zu erschaffen, «das Leben zu schreiben, am Schreiben zu gehen». Nizon, der sich über die Jahre nicht gerade leichten Schrittes auf dem schmalen Grad bewegt zwischen «Lebenwollen» und «Schreibenmüssen», hat seinen Schreibtisch ins Leben gerückt und blickt mit dem Freund zurück: Dieter Bachmann spricht mit ihm über Künstlertum und Literatur, Liebe und ihre Grenzen, Wohnstätten und die kleinen Dinge des Alltags, Politik und Religion, Erinnerungen und enttäuschte Erwartungen, Äusserlichkeiten und das Alleinsein im Alter. «Jetzt sitzen zwei alte Knacker […] in einer kleinen Wohnung in Montparnasse […] Sind wir eigentlich nur einen Hauch klüger geworden?», fragt Bachmann zu Beginn. Mit Nizons Verweis auf eine Art Altersdemut vor dem Leben, die er bei sich und dem Freund entwickelt sieht, ist diese Frage aber keineswegs abschliessend beantwortet. Das ganze Gespräch kreist um genau diese Frage: Ist man irgendwann am Ziel? Wie weit ist man gekommen auf dem Weg zur «Weltkunst», und reicht das aus, um nicht vergessen zu werden? Doch wenig von dem, was gesprochen wird, zielt hier noch in Richtung Weltkunst – das Sinnieren der Alten über weibliche Dekolletees, Klischees über das Junggesellenleben und das Lamento über die heutige, quatschende und stets mit Musik verkabelte Jugend stören zuweilen. Auch die Stilisierung zum «eremitischen Verzichtcharakter» und Randgänger irritiert. Und dennoch schlägt man das Buch schliesslich versöhnt zu. Zwischen Joyce und Camus, mit denen Nizon selbst sich sonst misst, ist dieses kleine Buch sicher nicht einzuordnen. Es erhebt diesmal diesen Anspruch aber auch nicht – denn hier geht es letztlich doch noch einmal ums Leben.