Barbarswila revisited

Gerold Späth: Drei Vögel im Rosenbusch. Basel: Lenos, 2013.

Barbarswila revisited

In den achtziger Jahren wurde Gerold Späth als eines der grossen Talente der Schweizer Literatur gehandelt. Seine wunderbar sprachmächtigen, farbigen und phantasievollen Bücher, vor allem «Commedia» (1980), «Sindbadland» (1984) und «Barbarswila» (1988), fanden im gesamten deutschsprachigen Raum höchste Anerkennung. Obwohl der 1939 geborene Sohn einer Orgelbauerdynastie aus Rapperswil auch in den letzten 25 Jahren zahlreiche Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Hörspiele vorlegte – es wurde still und stiller um ihn. Schwer zu ergründen, woran das lag. Tatsache ist jedenfalls, dass auch der «alte» Späth noch einiges zu bieten hat.

Seine neue Erzählung spielt – naturgemäss, möchte man sagen – in Barbarswila am oberen Zürichsee, wo der dem Weingenuss nicht gerade abholde Ich-Erzähler, ein stadtbekannter Schriftsteller, von der ebenfalls stadtbekannten Mademoiselle Hoggh genötigt wird, sie nach Hause zu begleiten – sie habe ihm eine exklusive und exquisite Geschichte zu erzählen, sagt sie. Im Salon des ansehnlichen Altstadthauses «Allhier Zum Blühenden Rosenbusch» breitet die Dame die vier Generationen umfassende, bis nach Australien ausufernde Geschichte ihrer ungewöhnlichen Handwerker- und Unternehmerfamilie aus. An sechs Nachmittagen besucht der immer stärker faszinierte Autor das eigenwillige Fräulein und notiert ihre stets spannenden, oft höchst unterhaltsamen und manchmal schräg-skurrilen Episoden. Viele von ihnen drehen sich um ihren Bruder Ernst, einst Lehrling eines Sprengmeisters, später nicht verschont von bitteren Enttäuschungen, die seinen Zorn auf Politiker und Beamte derart anfachen, dass er immer konkreter von einer «Riesenexplosion» träumt, die final aufräumen soll mit dem Niederträchtigen und Bösen um ihn herum. Welche Folgen die facettenreiche Erzählung hat, erfahren wir auf den letzten vier Buchseiten, die man als Fest der vergnüglichen Selbstironie bezeichnen darf und die zugleich Späths poetologische Grundüberzeugungen auf den Punkt bringen – und siehe, es sind mehr oder weniger die, die er auch schon vor dreissig Jahren wortreich vertreten hat. Selbst wenn man sich beim Lesen der kunstvollen, wenn auch arg schlicht aufgebauten Erzählung an manchen allzu selbstverliebten Sprachgirlanden stören kann – es bleibt ein aussergewöhnliches Vergnügen, sich dem «Fiktionenfabulierer» Gerold Späth anzuvertrauen und seinen zeitkritischen Phantasien nachzusinnen.