Gut gebettet

Tim Krohn: Aus dem Leben einer Matratze bester Machart. Berlin: Galiani, 2014.

Gut gebettet

Sie verspricht Liebestaumel oder ist blosse Verheissung, Ruhematte oder Schutzhülle, Traumfänger oder Floss: In Tim Krohns neuem Roman steht eine taubenblaue Matratze im Mittelpunkt, die für ihre wechselnden Besitzer ganz verschiedene Funktionen erfüllt. Mit einer heissblütigen Liebesnacht eines frischvermählten, jungen Paars beginnt ihre Geschichte. Ein Blutfleck in Form von Amerika ist das Überbleibsel davon – und wird fortan die weiteren Eigentümer zu Phantasiereisen animieren.

Den Erstbesitzern Immanuel und Gioia Wassermann bringt die Qualitätsmatratze allerdings kein Glück: Denn der jüdische Immanuel schlägt im Jahr 1935 alle Warnungen in den Wind und kehrt mit seiner frisch Angetrauten aus dem Tessin nach Berlin zurück. An dieser Stelle bricht Tim Krohn ab und macht einen Zeitsprung von neun Jahren. Welches Schicksal den jüdischen Optimisten ereilt hat, bleibt für die Leser vorerst eine dunkle Ahnung. Die Matratze ist nun im Besitz einer jungen Mutter in Schaffhausen, welche die Wohnung samt Schlafutensil von der Vormieterin Gioia Wassermann übernommen hat. Den drei Kindern bietet die Matratze im Keller Schutz, wenn wieder einmal die Bomber der Alliierten über die Stadt donnern. Doch auch in diesem Fall wird der Krieg eine Familie auseinanderreissen. Tim Krohn siedelt seine Geschichten zwischen 1935 und 1992 an. Jedes Kapitel steht im Zeichen eines Jahrgangs und erzählt von einem besonderen Lebensabschnitt der aktuellen Matratzenbesitzer. Das durchgehende Motiv bleibt die fast unverwüstliche, mit Erinnerungsmalen gekennzeichnete Matratze, die immer mehr zur «Schatzkarte» oder «Landkarte» wird und schliesslich einem Schiffbrüchigen ein paar letzte Traumstunden beschert. Im letzten Kapitel schliesst sich der Kreis und wir erfahren, was der Krieg aus dem jüdischen Optimisten, der sich einst für «frischfröhliche Ignoranz» gegenüber den finsteren Kriegsvorzeichen ausgesprochen hatte, gemacht hat.

Tim Krohn, der 49jährige Glarner Autor mit deutschen Wurzeln, hat sich bereits mit den Romanen «Quatemberkinder» und «Vrenelis Gärtli» einen Namen gemacht. Die ihnen innewohnende Poesie, die Mischung aus feiner Ironie und Melancholie, ist auch im neusten Werk spürbar. Mit nur wenigen Strichen vermag Tim Krohn ein Jahrhundertpanorama zu entwerfen, seine Figuren kommen dabei nicht zu kurz. Sicher: die Idee, menschliche Schicksale durch einen Gegenstand miteinander zu verbinden, ist in der Literatur nicht ganz neu, aber der Kunstgriff besticht nach wie vor. Krohn ist ein leises, poetisches Werk gelungen, das auf den knapp 120 Seiten den Blick auf bewegte Jahrzehnte in Europa und insbesondere in der Schweiz öffnet.